Bundesarbeitsgemeinschaft
der Immigrantenverbände
in Deutschland e.V.

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Die Brückenbauer der Integration stärken

Konzeptionelle Impulse zur Entwicklung eines Leadership-Programms für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen

Eine Veranstaltung der BertelsmannStiftung am 13. Juni 2007



Konferenzort:
Bertelsmann Haus
Unter den Linden 1
10117 Berlin
Tel. 030 520099-0
Fax. 030 520099-205



Was können Migrantenorganisationen in der pluralistischen Gesellschaft leisten?
von Mehmet Tanriverdi



Sehr geehrte Damen und Herren!

Bevor ich auf die Frage eingehe, möchte ich mit einigen wenigen Sätzen die Notwendigkeit und Entstehung von Migrantenselbstorganisationen (MSO) erläutern.

Neben den anfänglich entstandenen Bedürfnissen, sich zu treffen, über Probleme zu reden, sich im deutschen Bildungssystem zu orientieren, zu lernen mit alltäglichen Situationen umzugehen oder auch Erfahrungen auszutauschen, wollten die hier lebenden MigrantInnen mit wachsender Aufenthaltsdauer nicht von der Majoritätsgesellschaft nur integriert werden, sondern sie wollten selbstbestimmt den wechselseitigen Integrationsprozess mitgestalten.

Die Eingliederung von Zuwanderern und ihren Kindern in die Gesellschaft blieb und bleibt trotz der zu verzeichnenden Teilerfolge defizitär. Ein Teil der MigrantInnen war und ist sozial und rechtlich nicht zuletzt aufgrund sprachlicher Hindernisse, mangelnder Einblicke in gesellschaftliche Strukturen und Zusammenhänge, sowie geringen oder fehlenden Kenntnissen der rechtlichen Möglichkeiten immer noch benachteiligt. Diese Situation liegt in einem Informationsdefizit begründet, das nicht selten aufgrund sprachlicher Barrieren entsteht. Durch einen schlechten oder nicht vorhandenen Zugang zu politischen und gesellschaftlichen Organisationen wuchs der Wunsch, eigene Interessen zu artikulieren und durchsetzen zu können, der bis heute anhält. Die Integration in den jeweiligen Aufnahmekontext bedarf besonderer Ressourcen und interkultureller Kompetenzen seitens der Majoritätsgesellschaft, die häufig fehlen.

MSO, unterscheiden sich zwar hinsichtlich ihrer Mitglieder, ihrer Ziele und Funktionen aber alle gemeinsam nehmen eine Brücken- oder Mittlerfunktion zwischen den Angehörigen ethnischer Minderheiten und der deutschen Majoritätsgesellschaft wahr. Diese MSO fördern und stärken mit ihrem ehrenamtlichen Engagement die Gleichstellung und die Integration der MigrantInnen und stellen einen wichtigen Bestandteil der demokratischen Willensbildung dar.

In ihrer Funktion als Schnitt- oder Transferstelle fordern und fördern die MSO bereits die interkulturelle Öffnung der kulturellen, sozialen und politischen und administrativen Strukturen der Aufnahmegesellschaft, sind aber gleichsam in der Lage Lösungen oder Lösungswege sowie Erwartungen und Forderungen der Aufnahmegesellschaft in die Zuwandererfamilien hinein zu leisten. Sie sind wichtige Instanzen, die ihren Mitgliedern Unterstützung und Orientierung z.B. in Form von Freizeitangeboten, geschlechtspezifischen Angeboten, Sprachkursen, Weiterbildung, Sozial- und Rechtsberatung, Hausaufgabenbetreuung usw. bieten. Diese geschützten sozialen Räume, diese Hilfe zur Selbsthilfe und das bürgerschaftliche Engagement tragen zur Bildung von sozialem Kapital bei, da soziale Kompetenzen trainiert, gesellschaftliche Bezüge für Minderheiteninteressen(z.B. Elternbeteiligung in Kindergarten und Schule usw.) hergestellt und mobilisiert werden, die für den individuellen Integrationsprozess förderlich sind.

Die Bedeutung der MSO bezüglich ihrer erheblichen Integrationsleistungen ist unumstritten und viele sind bereit und interessiert, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Sie müssen daher einen Mindeststandard an Professionalität und eine Optimierung ihrer Arbeit erreichen. Das bedeutet konkret, dass sie Anerkennung finden müssen, dass sie motiviert werden müssen in ihrer Arbeit fortzufahren, dass sie an Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen müssen, damit zukünftig diese Ressourcen stärker mobilisiert werden können.

Die Bedeutung und die Funktion der MSO

In einer Zeit der zunehmenden Ressourcenprobleme der öffentlichen Hand ergibt sich die Notwendigkeit sowohl ehrenamtliche, als auch Selbsthilfe und Selbstorganisationen von Migrantinnen und Migranten bei der Integrationsarbeit als willkommene Konsolidierungshilfe zu aktivieren und zu nutzen.

Für große Teile der Fachöffentlichkeit gilt die Migrantenselbsthilfe mittlerweile als notwendiger teilprofessioneller Bestandteil sozialer Gruppenarbeit mit und von Migrantinnen und Migranten.

In diesem Zusammenhang wird zunehmend erkannt, dass Selbsthilfe, Selbstorganisation und multikulturelle Organisationen als soziale Netze agieren, die eine bedeutende Mittlerfunktion zwischen den MigrantInnen und der Majoritätsgesellschaft übernehmen.

Die Arbeit von Selbstorganisationen wird jedoch unterschiedlich wahrgenommen: Einerseits werden starke Selbstorganisationen und eine selbstbewusste ethnische Identität als eine Voraussetzung für erfolgreiche Integration gesehen. Andererseits wird dagegen vor der Gefahr des Entstehens von ethnischen "Parallelgesellschaften" und der politischen Fragmentierung gewarnt.

Wenn es um die Gesamtgesellschaft geht, wird bürgerliches Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen heutzutage in breiten Kreisen als eine Voraussetzung für eine gut funktionierende Demokratie gesehen.

Eine staatliche Politik aber, die sich das integrationsfördernde Potential ethnischer Selbstorganisationen zu Nutze machen möchte, muss ethnischen Gruppen die Möglichkeit eröffnen, eine aktive Rolle in der Integrationspolitik ihrer neuen Wahlheimat zu spielen.

Die Funktion von MSO geht über die der kulturellen Heimat, eines Ortes des Schutzes, des Rückzuges und der Neuorientierung für Migrantinnen und Migranten hinaus. Sie bilden soziale Netzwerke, die authentischer die Interessen und Erfahrungen der Minderheiten vertreten. Sie erbringen eine Vielzahl von Dienstleistungen für ihre Mitglieder, die das staatliche Angebot der Integrationsförderung ergänzen, da sie sensible Themen und Angebote entwickeln, die der Bedarfslage der jeweiligen Gruppe entsprechen.

Als Interessenvertretungen führen MSO den Dialog mit Vertretern der Mehrheitsgesellschaft und sie übernehmen eine Mittlerrolle/Brückenfunktion zwischen der Majoritätsgesellschaft und den verschiedenen Minderheiten.

Ihre maßgebliche Beteiligung bei der politischen Meinungs- und Willensbildung und der sozialen Orientierung der Zuwanderer, der Stärkung der Akzeptanz für Integrationspolitik und der Weckung des Interesses an Integrationsmaßnahmen macht eine Kooperation mit den MSO unausweichlich. Bisher wird dieses vorhandene Potential jedoch bei der Gestaltung und Umsetzung von Integrationspolitik zu wenig genutzt.

Zunächst ist die Anerkennung von MSO als Akteure der Integrationsarbeit und ihre Förderung eine wichtige Voraussetzung für Integrationspolitik mit und nicht nur für MigrantInnen und für die Gewährleistung einer effektiveren und kontinuierlichen Interessenvertretung.

MSO können in der Gesellschaft einiges leisten!

Denn Migrantenselbstorganisationen:

  • haben Zugang zu MigrantInnen
  • genießen das Vertrauen der MigrantInnen
  • fördern den Informationsaustausch zwischen den MigrantInnen
  • vermitteln Strategien und Lösungsansätze im Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft
  • stärken die Rolle der Frau als Mittlerin in Familie und Gesellschaft
  • fördern das soziale Engagement in formellen und informellen Gruppen
  • fördern die Wahrnehmung demokratischer Strukturen
  • außerdem können sie zur positiven Wahrnehmung von Bilingualität und Bikulturalität in der Öffentlichkeit beitragen
  • fordern die Anerkennung von Toleranz und Respekt gegenüber Andersartigkeit
  • stärken das Selbstwertgefühl von MigrantInnen
  • zeigen sich als Ort, wo demokratisches Bewusstsein gelebt wird
  • MigrantInnen lernen in Selbstorganisationen vielfältig die Spielregeln der Meinungs- und Willensbildung in die Institutionen der Einheimischen
  • durch Selbstorganisationen kann der Dialog zwischen MigrantInnen und Mehrheitsgesellschaft stattfinden und zwar auf der Basis von Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit
  • bieten Raum für das eigene kulturelle Leben
  • helfen bei arbeitsmarktpolitischen Fragen
  • bilden soziale Netzwerke
  • sind die Interessenvertretung der jeweiligen ethnischen Gruppe und übernehmen eine wichtige Mittlerrolle.

Selbstorganisationen stehen nicht im Widerspruch zu Integration, sondern sind in der Lage, den Ausgangspunkt für die Entstehung von sozialen Netzwerken zu bilden und Vermittlungs- und Brückenfunktionen in die Gesamtgesellschaft wahrzunehmen. Sie bilden damit ein Potenzial für Integration.

Die BAGIV arbeitet zur Zeit u.a. an einem Projekt mit dem Titel Stärkung und Aktivierung des Potentials von MSO für die Integration von Zuwanderern. Der Titel des Projektes selbst gibt bereits Aufschluss über seinen Inhalt. Die Arbeit der MSO muss Anerkennung finden und gestärkt werden. Aber die MSO verdienen nicht nur Anerkennung, gleichsam müssen wir sie motivieren, in ihrer Arbeit fortzufahren und das vorhandene Potential weiterhin zu aktivieren. Hier sehen wir als BAGIV eine Möglichkeit der Unterstützung, indem wir Fortbildungsmaßnahmen durchführen, um unsere Mitglieder zu qualifizieren und zu professionalisieren. Denn wir müssen trotz der hoch anzuerkennenden Leistung, die die MSO vollbringen, erkennen, dass ein Qualifizierungsbedarf innerhalb der MSO besteht. Aus diesem Grund haben wir in den letzten Monaten eine Erhebung bei MSO durchgeführt mit dem Ziel einer Bedarfsermittlung. Die bisherigen Ergebnisse der Bestandsaufnahme wurden als Informationsgrundlage in die Organisationen zurückgetragen. Als Ergebnisse konnten wir bis jetzt festhalten, dass neben strukturellen Schwächen in den Organisationen wie fehlende technische Ausstattung, mangelhafte Räumlichkeiten aber auch Mangel an Personal erwähnt werden muss.

Themen zur "Politischen Partizipation" wie politische Betätigung und politische Rechte von MigrantInnen, Einbürgerung, doppelte Staatsangehörigkeit, Partizipationsressourcen im Integrationsprozess, Wahlrecht usw. als Qualifizierungsthemen wurden an erster Stelle genannt, "Bildung und Ausbildung von MigrantInnen" mit allen erforderlichen Unterthemen wie Mehrsprachigkeit in der Bildung, Förderung der Muttersprache, Zugang zur Bildung, Schaffung von Bildungsbewußtsein usw. an zweiter Stelle, "Belange der älteren MigrantInnen" an dritter Stelle.

Hier müssen wir ansetzen, denn Ziel ist es, das Bewußtsein der Mitverantwortung von MigrantInnen und ihrer Selbstorganisationen weiter zu entwickeln und zu thematisieren bei der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Integration von Neuzuwanderern, aber auch bei den bereits hier lebenden MigrantInnen.

Die Mitwirkung von ehrenamtlich engagierten MigrantInnen als MittlerInnen und BegleiterInnen und somit auch mit einer Vorbildfunktion, indem sie verstärkt ihre speziellen Kompetenzen in den Dienst ihrer neu zugewanderten "Landsleute" stellen, ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Integrationspolitik.

Gerade unter Berücksichtigung der Arbeitsmarktsituation sind besonders viele MigrantInnen von Arbeitslosigkeit betroffen und ziehen sich ins Private und in ihre sozialen Netzwerke der MSO zurück. Auch wird bei MigrantInnen in den nächsten Jahren der demographische Wandel zu einem höheren Anteil älterer Menschen führen. Daher ist es von besonderer Bedeutung, Konzepte und Strategien zu entwickeln, um neue ehrenamtliche Kräfte für die Integrationsarbeit zu gewinnen, insbesondere eine verstärkte Integrationsarbeit in den Selbstorganisationen und Fokussierung der Angebote auf neue Zuwanderer.

Die Arbeit der MSO ist hoch anzuerkennen und muss gefördert werden durch Qualifizierung ehrenamtlicher Arbeit vor Ort, Initiierung neuer Kooperationsformen und Vernetzungsstrukturen und insbesondere durch professionelle Begleitung.



Sehr geehrte Damen und Herren,

wie bekannt sein sollte, ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dabei ein bundesweites Integrationsprogramm zu entwickeln. Dabei wird der Sachverstand der Länder, Kommunen und der Migrationsverbände mit einbezogen. Wir sehen in diesem Prozess einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.

Wir als BAGIV haben die Mehrsprachigkeit immer als wichtige Ressource angesehen, obwohl die Bilingualität jahrelang als Defizit erklärt wurde. An dieser Stelle möchte ich zwei auf Handlungsempfehlungen aus dem Entwurf des Integrationsprogramms des BAMF eingehen, bei denen die MSO als Kooperationspartner genannt werden:

1. Handlungsempfehlungen für den Themenbereich "Mehrsprachigkeit" Um die Potenziale der Mehrsprachigkeit im Berufsleben gezielt nutzbar machen zu können, sollten diejenigen Berufsfelder identifiziert und spezifisch beschrieben werden, in denen Mehrsprachigkeit von besonderer Bedeutung ist. Für die Förderung der Mehrsprachigkeit ist die Qualität der Sprachimpulse von Bedeutung, welche an Kinder gerichtet werden sowie die Art und Weise der Kommunikationanlässe, an denen Kinder teilnehmen. Eltern/Familien müssen dabei unterstützt werden, insbesondere in der Familiensprache, sie zu fördern und Sprachimpulse aktiver und bewusster zu steuern.

2.Handlungsempfehlungen für den Themenbereich "Zielgruppen- Bedarfe- Konzepte" Lokale und regionale Arbeitskreise zur Sicherung und zum regelmäßigen Austausch von Erfahrungen sollten eingerichtet werden. An solchen Arbeitskreisen müssen u.a. IHK's, Jobcenter, Bildungsträger, ortsansässige Unternehmen, Gewerkschaften und MSO beteiligt sein.

In diesen aber auch anderen Handlungsbereichen bieten sich MSO als Partner an.

Erlauben Sie mir aus dem aktuellen Anlass auf zwei Punkte einzugehen:

Nach dem nationalen Bildungsbericht haben derzeit ca. 25% aller Schülerinnen und Schüler und ca. 27% der 0-6 jährigen Kinder einen Migrationshindergrund. Von den Lehrerinnen und Lehrern hat nach Schätzungen nur 1- 2% einen Migrationshintergrund. Auch im Bereich der Kindertagesstätten sind Erzieherinnen und Erzieher mit Migrationshintergrund deutlich unterrepräsentiert im Vergleich zu ihrem Anteil an der Bevölkerung.

MSO können ihren Anteil bei der Gewinnung von Studierenden für pädagogische Studienrichtungen, die aus Migrantenfamilien stammen und das deutsche Schulsystem durchlaufen haben, durch Aufklärungsarbeit und Anreize dazu leisten.

Bei der Reform des Herkunftssprachlichen Unterrichts, welcher dringend notwendig ist, appellieren wir an die Bundesländer ein einheitliches Konzept zu erarbeiten. Die ausscheidenden Lehrkräfte sollen durch junge, gut und möglichst an deutschen Universitäten ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer ersetzt werden.

Zum Abschluss lassen Sie mich noch folgende Punkte sagen:

Eine der wichtigsten Aufgaben der MSO heute besteht also in der Motivierung der MigrantInnen, vorhandene Partizipationschancen zu nutzen und volle politische Rechte durch Einbürgerung zu erwerben.

Die Mobilisierung der Ressourcen bei Menschen mit Migrationshintergrund sowohl auf sozialer als auch auf politischer Ebene wäre ein gelungener Beitrag zur Integration in der Majoritätsgesellschaft und gleichzeitig ein Gewinn für Deutschland.

Demokratie ist ein Lernprozess- sowohl für die Mehrheitsgesellschaft als auch für MigrantInnen.

Selbstorganisationen von Migrantinnen und Migranten zu unterstützen bedeutet, das bürgerliche Engagement zu stärken.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


Diese Rede des Präsidenten der BAGIV zum Thema
"Die Brückenbauer der Integration stärken"
können Sie hier als PDF-Dokument herunterladen :

Die-Brueckenbauer-der-Integration-staerken.pdf
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