Bundesarbeitsgemeinschaft
der Immigrantenverbände
in Deutschland e.V. 

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Die Rolle der Selbstorganisationen bei der aktiven Integrationspolitik

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände ist ein demokratischer Zusammenschluß von Migrantendachverbänden in Deutschland, die auf Bundesebene tätig sind. Die Migrantendachverbände der BAGIV setzen sich aus den örtlichen Selbstorganisationen der verschiedenen ethnischen Migrantengemeinden zusammen und vertreten ihre sozialen, politischen und kulturellen Interessen in der Bundesrepublik Deutschland. Die einzelnen örtlichen Selbstorganisationen und demzufolge auch die BAGIV sind eine unverzichtbare Vertretung der gebündelten Interessen der einzelnen MigrantInnen.

Die Gründung der BAGIV und ihre kontinuierliche Arbeit seit 17 Jahren verdeutlicht das Interesse der Migrantenselbstorganisationen an einer multinationalen Vertretung. Ihre Existenz zeigt die politische Aktivität der Einwanderer, die nicht mehr unmündige Objekte von Betreuungsmaßnahmen sein wollen, und gleichzeitig setzt sie sich für die Demokratisierung der Gesellschaft und gegen Diskriminierung ein. Als kompetenter Gesprächspartner für Migrantenbelange strebt die BAGIV das gleichberechtigte Zusammenleben der verschiedenen Minderheiten in und mit der deutschen Gesellschaft an. Sie fordert die volle politische, soziale und kulturelle Partizipation der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Migranten.

Seit über 40 Jahren sind die MigrantInnen als ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft anzusehen. Seitdem die Bundesrepublik Deutschland sich selbst als Einwanderungsland versteht, müssen entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine Verabschiedung von dem Bild einer vermeintlich homogenen Gesellschaft hin zu dem tatsächlichen Bild der gesellschaftlichen Vielfalt, der Multilingualität und Multikulturalität unvermeidlich macht. Dies bedeutet für die Zuwanderungspolitik, die Anerkennung der Zuwanderungsnotwendigkeit, die tatkräftige Anerkennung der kulturellen Vielfalt, die Weiterentwicklung des individuellen Asylrechts auf europäischer Ebene, Abbau der Einbürgerungsbarrieren und die Erweiterung des Einbürgerungsangebotes. Der Erfolg und die Akzeptanz einer Zuwanderungspolitik ist mit einer systematischen und nachhaltigen Integrationspolitik gekoppelt. Ziel der Integrationspolitik muß die gleichberechtigte Partizipation von den in Deutschland lebenden MigrantInnen und ethnischen Minderheiten sein. Voraussetzung für eine erfolgreiche Integrationspolitik ist die Entwicklung eines umfassenden Integrationskonzeptes, die Gewährleistung von Rechtssicherheit, die Anerkennung von Multikulturalität in allen gesellschaftlichen Bereichen, die gleichberechtigte Teilhabe und Teilnahme an allen gesellschaftlichen Prozessen, eine adäquate Bildungspolitik und die Erweiterung des Partizipationsangebotes sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft.

Die Selbstorganisationen und ethnischen Vereine spielen eine bedeutende Rolle bei der Artikulation migrantenspezifischer Interessen und Forderungen (Artikulationsmerkmal¹), da sie durch ihre unmittelbare Nähe zu den MigrantInnen über kulturelle Hintergrundinformationen verfügen, deren Bedürfnisse kennen und die Migranteninteressen bündeln. Weitere Hauptmerkmale der Betätigungsfelder von Migrantenselbstorganisationen sind nicht nur das Ausüben von Kritik (Reflektionsmerkmal²), die sie an den gesellschaftlichen Funktionen und ihren Defiziten ausüben, sondern auch ihre Fähigkeit konstruktive Gegenkonzepte für Ziele und Formen der politischen Beteiligung (Programmmerkmal³) von Zuwanderern aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen einzubringen.

Die Förderung und Einbeziehung der Selbstorganisationen der MigrantInnen bei der Entwicklung von integrationsspezifischen Maßnahmen sind für die Integrationspolitik von großer Bedeutung. Die Stärkung der Kooperation mit Migrantenorganisationen ermöglicht den Zugang zu allen Migrantengruppen und trägt somit zum Abbau der Segregation bei. Darüber hinaus sind die erworbenen Kenntnisse und langjährigen Erfahrungen auf dem Gebiet der Integrationsarbeit dieser Organisationen eine wichtige Hilfe auf dem Weg zur einer zielgruppen- und zukunftsorientierten Integrationspolitik.

Quelle: Circis Musa Simsek, in: Politische Beteiligung in der Migration - Die Herausforderung, Stamatis Assimenios, Yvette Shajanian (Hrsg.), 2001, S. 10-13.

¹ In den Selbstorganisationen artikulieren sich die Betroffenen in Bezug auf ihr gemeinsames Anliegen und einigen sich auf eine gemeinsame Darstellungs- und Orientierungsfunktion. Sie definieren sich durch ihr Tun, d.h. die Selbstorganisation ist ale ein Art Bewegung zu sehen, in der Betroffene und Akteure miteinander über die gleichen Belange kommunizieren, und sich dadurch selbst definieren.

² Als Reflektionsmerkmal wird der sozialwissenschaftliche Verwendungszweck der Selbstorganisationen bezeichnet. Darunter ist zu verstehen, dass sie versuchen die Möglichkeiten direktdemokratischer Modelle mit Blick auf Entwicklung und/oder Veränderung moderner, demokratisch verfasster politischer Systeme auszunutzen. Also reflektieren sie neue gesellschaftliche und politische Problemlagen und Phänomene.

³ Problemstellungen, derer sich Selbstorganisationen annehmen, werden oft von der Politik übernommen, d.h. z.B. machen sich Parteien die Problematik und die daraus folgende Programmatik der Selbstorganisationen selbst zu eigen.

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Stand 09.10.2009 | Sitemap | Impressum | Kontakt