Bundesarbeitsgemeinschaft
der Immigrantenverbände
in Deutschland e.V.

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Presse

PRESSEMITTEILUNG 18.09.2002

Werden die muttersprachlichen Sendungen für MigrantInnen abgeschafft?
Was sagen die Regierung und die Opposition dazu?

Mit Empörung und Bestürzung hörte die BAGIV, dass die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten die vorhandenen muttersprachlichen Radioprogramme abschaffen wollen, d.h. daß der Vertrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zur Produktion und Sendung muttersprachlicher Programme aufgekündigt wurde. Dies hat zur Folge, dass Hunderttausende von Migrantinnen und Migranten, die hier in Deutschland leben, nicht mehr die Möglichkeit haben, Nachrichten in ihrer Heimatsprache zu empfangen. Populäre Programme, wie z.B. das griechische des Bayerischen Rundfunks, werden abgeschafft. Und das in einer Zeit, wo die Notwendigkeit der Integration von allen politischen und gesellschaftlichen Institutionen erkannt wird und zunehmende Anstrengungen in diese Richtung unternommen werden.

Wir kritisieren in aller Schärfe den Beschluß, die spezifisch-konzipierten, seit 1964 bestehenden Integrationsprogramme für MigrantInnen zum Ende 2002 zu beenden und anstatt dessen Programme in deutscher Sprache für alle Migranten einzuführen. Im Gegenteil, wir brauchen die Erweiterung dieser Integrationsprogramme auf zusätzliche Sprachen. Bei Beendigung dieser Programme zerbricht eine Kommunikationsplattform, in denen die MigrantInnen ihre Beisteuerung zur Integration wiederfinden.

Wir erinnern an den integrationsfördernden Inhalt der sogenannten Ausländerprogramme mit zielgruppenspezifischen Informationen in den Bereichen der Beschäftigung, Ausbildung, Schulbildung usw. Darüber hinaus entwickelten sich diese Programme zu Foren von Projekt- und Erfahrungsaustausch für die Probleme der Älteren Migrantinnen und Migranten, sowie für die Jugendintegrationsarbeit. Der Ausfall dieser Informationen kann nicht durch muttersprachliche Programme aus der Heimat kompensiert werden, auch nicht durch die deutschen Medien, die sie kaum in der Lage sind aufzufangen und die nicht ihrer Sprachkompetenz entspricht.

Mehr als 70% der in Deutschland lebenden Griechen, Italiener, Spanier und Portugiesen gehören zu der sogenannten Ersten Generation, die der eigenen Muttersprache mächtiger sind als der deutschen. Die älteren MigrantInnen sind zu einem gewichtigen Teil auf muttersprachliche Informationen angewiesen. Die bisherige Programmgestaltung mit einer Anerkennung der Sprachen und Kulturen, der hier lebenden Einwanderer, stellt darüber hinaus einen wichtigen Integrationsbeitrag dar.

Der vom Bundesverfassungsgericht an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorgegebenen Auftrag zur umfassenden Informations- und Kulturberichterstattung sollte auch für die Gebühren zahlenden MigrantInnen gelten. Es sollten die Interessen von MigrantInnen auf der Grundlage des Gleichbehandlungsgesetzes ebenso Rechnung getragen werden wie den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft und deren Umgang mit kultureller Vielfalt.

Der Verzicht des Grundversorgungsauftrages der öffentlich-rechtlichen Programme bedeutet einen Verzicht auf Fremdsprachensendungen und gleichzeitig auf muttersprachliche Sendungen für ein großes Publikum von Menschen ausländischer Herkunft mit unterschiedlichem Integrationsstand. Fremdsprachensendungen bilden eine kulturelle Brücke zwischen Zugewanderten und Deutschen und fördern die gewünschte Zweisprachigkeit in Migrantenfamilien. Die Beendigung der Programme fördert schließlich ein mediales Abwandern zu den Satellitenprogrammen ausländischer Herkunft, deren Inhalte nicht unbedingt der Integration in Deutschland dienen.

Die BAGIV fordert für die in Deutschland lebenden MigrantInnen nicht nur den Erhalt der Fremdsprachenprogramme, sondern eine Weiterentwicklung und einen Ausbau der bestehenden Rundfunksendungen. Gleichzeitig fordert die BAGIV die Erweiterung der Fremdsprachenprogramme auf zusätzliche Einrichtungen von Fernsehprogrammen im Rahmen des Grundversorgungsauftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Mehmet Tanriverdi

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