Bundesarbeitsgemeinschaft
der Immigrantenverbände
in Deutschland e.V. 

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Den Integrationsprozess optimistisch gestalten

Seit den 70er Jahren beschäftigt sich die BAGIV bereits mit dem Thema Integration von MigrantInnen in der deutschen Gesellschaft und Politik. BAGIV und ihre Mitgliedsorganisationen sind auch aktiv an dem Diskurs über Partizipation,über Handlungsfähigkeit von MigrantInnen beteiligt. Deswegen pflegen wir auch die Integration als Oberbegriff für Handlungsfähigkeit und soziale und politische Partizipation zu betrachten und sie als solche zu fördern, denn der inflationäre Begriff "Integration" hat sich im Laufe der 50jährigen Migrationsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland oft als Inbegriff der verschiedensten Vorstellungen etabliert. Häufig wird dieser Begriff mit Assimilation verwechselt.

"Den Integrationsprozess optimistisch gestalten" ist eines der vordergründigen Ziele der BAGIV, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände, die 1985 gegründet wurde und die der einzige bundesweite und multinationale Dachverband von Migrantenselbstorganisationen mit dem Ziel der integrationsfördernden Selbstvertretung von MigrantInneninteressen in Deutschland ist. Dabei gehen die Tätigkeiten der BAGIV in zwei Richtungen: einerseits wendet sie sich an die MigrantInnen selbst und andererseits an die staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen. Als Dachverband von Migrantenselbstorganisationen aus 7 Nationen arbeitet sie an innovativen Konzepten zur Förderung der sozialen und politischen Partizipation von MigrantInnen, zur Verbesserung der Bildungs- und Ausbildungssituation Jugendlicher ausländischer Herkunft und zur Abschaffung von Barrieren, die den Integrationsprozess erschweren. Im Rahmen von diversen Projekten entwickelten wir Strategien und Konzepte (Förderunterricht zum Erlernen der deutschen Sprache, Aufklärung über das deutsche Bildungssystem, Informationsverbreitung usw.). Die besonderen Kompetenzen zahlreicher Migrantenselbstorganisationen selbst liegen zum einen in der realistischen Perzipierung und Analyse der Probleme, die nicht zuletzt auf die Zugehörigkeit und den Zugang zu den Migrantengruppen selbst und des Vertrauens, dass sie dort genießen, zurückzuführen sind. Die Selbstorganisationen haben eine Brückenfunktion von den MigrantInnen zur deutschen Gesellschaft, indem sie den Informationsaustausch fördern und die Strategien und Lösungsansätze vermitteln. Themen wie Schulbildung bzw. Berufsausbildung gehören zu der Tagesordnung der Arbeitskreise der BAGIV, aber auch der Tätigkeiten unserer Mitgliedsorganisationen. Das gleiche gilt auch für die politische Partizipation von MigrantInnen. Die Selbstorganisationen setzen sich dafür ein, dass mehr MigrantInnen in den Entscheidungsgremien vertreten sind und dass sich mehr Menschen ausländischer Herkunft an den öffentlichen Geschehnissen der Bundesrepublik beteiligen. Rente, Pflege und besondere Probleme der älteren MigrantInnen sind ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld. Die BAGIV hat bereits im Jahr 1995 eine einschlägige Broschüre herausgegeben und zu dem Diskurs über die Probleme der älteren MigrantInnen beigetragen, aktive Forderungen zum Ausdruck gebracht und war seitdem an fast allen bundespolitischen Projekten zum Thema "Ältere MigrantInnen" beteiligt. Bei allen diesen Diskussionen über die Probleme, die in Deutschland lebende MigrantInnen haben, wurde aber nicht versäumt, die Ressourcen dieser Menschen zu suchen, ja sie in den Vordergrund zu stellen. Selbst im Problemfeld der Bildung, die einen besonderen Stellenwert auch in unseren Aktivitäten gewinnt, wurde immer wieder versucht, Stereotypen zu vermeiden und sachlich Probleme und Ressourcen zu analysieren. So haben die BAGIV und ihre Mitgliedsorganisationen sehr früh auf die Bedeutung der sozialen Herkunft für die Schulkarrieren der Migrantenkinder hingewiesen und diesbezüglich wissenschaftliche Erkenntnisse herangezogen. In zahlreichen Projekten wurde weiterhin darauf aufmerksam gemacht, dass das Bildungssystem Reformen braucht. Das wird heute nicht zuletzt durch die PISA-Studie für das ganze Land nachgewiesen. Lehrerinnen und Lehrer wissen es am besten. Die Selbstorganisationen wollen sich an diesem Prozess der Reformen beteiligen, Forderungen zum Ausdruck bringen und zu einer besseren Gestaltung der Schulreformen beitragen.

Die Migrantenselbstorganisationen verbinden also Integration mit der Partizipation von Menschen, von MigrantInnen, und mit ihrer Handlungsfähigkeit. Sie sind der Meinung, dass das Projekt der Integration von MigrantInnen in Deutschland nicht gescheitert ist, obwohl die Integrationspolitik oft diffus war und manchmal orientierungslos. Es gibt Migrantengruppen, die es geschafft haben, es gibt auch individuelle Beispiele einer erfolgreichen Integration. Zum ersten Mal haben wir mit dem 6. Familienbericht der Bundesregierung ein differenziertes Bild der ausländischen Familien und ihrer Ressourcen. Und dies ist ein sehr wichtiges Instrument für die Migrationsarbeit, sowohl die der Institutionen, als auch die der Selbstorganisationen und der Wohlfahrtsverbände.

Ohne dieses differenzierte Bild des 6. Familienberichtes hätten wir z.B. nicht gewusst, welche Fertigkeiten, welche Erfahrungen, welche Prioritäten Familien ausländischer Herkunft haben. Deswegen wissen wir, dass sich die ausländischen Familien unterscheiden durch ihre Migrationserfahrungen, ihre kulturelle Herkunft, dem Ausmaß ihrer sozialen Integration, ihrem aufenthaltsrechtlichen Status, ihrer Zugehörigkeit zu Minoritäten und ihrer Platzierung in sozialen Ungleichheitsstrukturen, ihrer nationalen ethnischen Zusammensetzung und nicht zuletzt ihrer Motivation. Wir haben zum ersten Mal eine Analyse der Problemfelder der Migrantenfamilien. Wir haben auch eine Analyse über ihre Ressourcen und ihre Prioritäten. Die Schul- bzw. die Berufsausbildung ist eine Priorität der Familien ausländischer Herkunft. Die Frage ist, welche von diesen Familien mit Migrationshintergrund sind in der Lage ihre Ziele, ihre hohen Bildungserwartungen zu realisieren. Was fehlt? Sind sie bestens informiert über das deutsche Schulsystem, über seine Probleme und Ressourcen? Wissen Sie genau, wie es sein sollte? Welche Möglichkeiten haben ihre Kinder nach Abschluss einer Berufsausbildung? Und in diesem Bereich gibt es sehr viele Probleme. Zu den Ressourcen gehört auch die Bilingualität der Kinder ausländischer Herkunft. Diese Bilingualität wurde jahrelang als ein Defizit perzipiert. Die meisten, die in der Schulbildung oder Migrationsarbeit beschäftigt sind, wissen, dass Kinder ausländischer Herkunft am ersten Tag der Schule haben erfahren müssen, dass ihre Muttersprache ein Defizit darstellt. Es wurde und auch mit Recht darauf beharrt, dass sie die deutsche Sprache erlernen müssen. Allerdings die Muttersprache als einen Mangel oder als ein Hindernis zu sehen, war einfach und schlichtweg ein pädagogischer Fehler. Nicht zuletzt durch die Studien von Professor Vassilios Fthenakis aus München und von Frau Professorin Maria Dietzel-Papakyriakou aus Essen, von Professor Ruprecht Baur aus der gleichen Universität wissen wir, wie absurd die Behauptung ist, dass die Muttersprache ein Hindernis für das Erlernen der deutschen Sprache darstellt. Im Gegenteil, es ist bekannt, dass die Muttersprache und ihre Pflege die beste Basis für das Erlernen der deutschen Sprache ist und zu der Verwirklichung eines erfolgreichen Selbstkonzeptes beiträgt.

Die BAGIV selbst hat in ihrem Memorandum im Jahre 1985 bereits die Förderung der Muttersprache, nicht bilinguale, sondern trilinguale bzw. multilinguale Schulbildung gefordert. Auch in einem System, das Probleme hat, muss eine aktive Bildungspolitik für MigrantInnen, für Migrantenkinder gestaltet werden und die MigrantInnen müssen sich an allen Möglichkeiten, die ihnen dieses Land bietet, beteiligen, um Probleme und Ressourcen zum Ausdruck zu bringen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände hat sich mit ihrem Projekt "Integration aus dem Leben gegriffen!" in einer Zeit befasst, in der die Diskussion um Zuwanderung und Integration in der Bundesrepublik Deutschland weiterhin zu den zentralen Themen der Zukunftsgestaltung der hiesigen Gesellschaft gehört. In diesem Diskurs sehen wir eine wichtige Rolle für die MigrantInnen und ihre Selbstorganisationen, nicht zuletzt aufgrund ihrer "Betroffenheit", sondern auch aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen in der Migrations- und Integrationsarbeit, die auf die unmittelbare Nähe mit den Problemen und Ressourcen der MigrantInnen zurückzuführen sind.Die Entwicklung offensiver Integrationsstrategien sollte das Hauptziel jeder modernen Innenpolitik sein. Es kann nicht sein, dass die Politik die Zuwanderung nach Deutschland fast ausschließlich unter dem Aspekt der Abwehr unliebsamer Fremder thematisiert (Rückführungsabkommen, Asylrechtsverschärfung, Drittstaatenregelung etc.).

Die Wirtschaft hat im Hinblick auf das Zuwanderungsgesetz sehr deutlich gemacht, dass sie unabhängig von der augenblicklichen wirtschaftlichen Krise, dauerhaft auf qualifiziertes Personal angewiesen ist. Durch die demografische Entwicklung wird es ab 2010 zu einem verschärften Facharbeitermangel in der Bundesrepublik kommen. Ein Zuwanderungsgesetz würde die Sozialsysteme deutlich entlasten, Zuwanderung nach wirtschaftlichen Interessen ermöglichen und die Voraussetzung zu mehr Integration schaffen.

Vor dem Hintergrund der Diskussion um das Zuwanderungsgesetz ist festzustellen, dass die Integration der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund eine sehr hohe Bedeutung hat, diese aber im Entwurf des Zuwanderungsgesetzes, nicht die erforderliche Berücksichtigung findet. Die Zuwanderungs-Kommission bestätigt: "Die bisherige Politik des pragmatischen Improvisierens kann diese Aufgabe nicht erfüllen. Wenn gleich beachtliche Integrationserfolge erzielt wurden, waren doch häufig kurzfristige Erfordernisse und punktuelle Überlegungen handlungsentscheidend. Eine systematische und übergreifende Herangehensweise fehlte, was die Integration der Zuwanderer in die Aufnahmegesellschaft erschwert hat. Wenn wir heute über die Grundzüge einer zukünftigen Integrationspolitik nachdenken, sollte ein integrationspolitisches Gesamtkonzept angestrebt werden, dass die Bedürfnisse von Aufnahmegesellschaft und Zuwanderern berücksichtigt".

Quelle: Integration aus dem Leben gegriffen! Ressourcen und Wendepunkte im Integrationsverlauf, Hrsg. Assimenios, Tanriverdi, Bonn 2004, Tanriverdi, S. 13-16.

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Stand 09.10.2009 | Sitemap | Impressum | Kontakt