Bundesarbeitsgemeinschaft
der Immigrantenverbände
in Deutschland e.V. 

zurück

Integration oder Zersplitterung?
- Die politische Rolle ethnischer Selbstorganisationen

Ruud Koopmans

Die Frage nach der politischen Rolle von ethnischen Selbstorganisationen ist in der Diskussion über die Integration von Zuwanderern heiß umstritten. Die einen sehen starke Selbstorganisationen und eine selbstbewusste ethnische Identität als eine Voraussetzung für erfolgreiche Integration. Die anderen warnen dagegen vor der Gefahr des Entstehens von ethnischen "Parallelgesellschaften" und der politischen Fragmentierung.

Wenn es um die Gesamtgesellschaft geht, wird bürgerschaftliches Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationen heutzutage in breiten Kreisen -von konservativen Kommunitaristen bis zu linken Libertären- als eine Voraussetzung für eine gut funktionierende Demokratie gesehen. Sozialwissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass, neben dem von vielen normativ geschätzten Eigenwert von Bürgerbeteiligung am demokratischen Prozess, das in der Zivilgesellschaft produzierte "Sozialkapital" dem gegenseitigen Vertrauen zwischen Bürgern sowie ihrem Vertrauen in die politischen Institutionen zugute kommt. Robert Putnam konnte in seiner bahnbrechenden Studie zu Italien darüber hinaus zeigen, dass die Politik, zum Beispiel im sozio-ökonomischen Bereich, in Regionen mit starken zivilgesellschaftlichen Strukturen eine größere Effektivität aufweist.

All diese Studien beschäftigten sich aber mit den zivilgesellschaftlichen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft. Lassen sich ihre Ergebnisse in die Richtung verallgemeinern, dass ethnisch segmentierte zivilgesellschaftliche Strukturen einen positiven Effekt auf die politische Integration von Zuwanderern in die Mehrheitsgesellschaft haben können? Oder bleibe das in ethnischen Organisationen produzierte Sozialkapital und Vertrauen auf die eigene Gruppe begrenzt und wäre somit der Integration eher abträglich? Ergebnisse aus zwei derzeit von mir am Wissenschaftszentrum Berlin in Kooperation mit ausländischen Forschungsinstituten durchgeführten Forschungsprojekten bieten diesbezüglich interessante Hinweise.

Aktuelle Forschung

In dem ersten Projekt geht es um den Zusammenhang zwischen der Dichte ethnischer Organisationsnetzwerke auf der einen und der Partizipation, dem Interesse und dem Vertrauen verschiedener Zuwanderergruppen in die lokale Politik in Amsterdam und Berlin auf der anderen Seite. Erste Ergebnisse der Berliner Studie werden erst zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahr vorliegen, zu Amsterdam sind aber schon einige höchst interessante Befunde zu berichten: Dort wurden von der Politologen Meindert Fennema und Jean Tillie vier Gruppen verglichen: Türken, Marokkaner, Surinamer und Antillianer. Von diesen Gruppen verfügten die Türken über die größte Dichte und stärkste Vernetzung von Selbstorganisationen, gefolgt von den Marokkanern und schließlich den beiden Gruppen aus der Karibik. Die türkischen Selbstorganisationen umfassten ein Spektrum, wie wir es auch in Deutschland kennen: auf die Politik in der Türkei bezogene Organisationen, türkische Kultur- und Sportvereine, auf die Lokalpolitik gerichtete Interessenverbände und nicht zuletzt Moscheegemeinden und andere islamische Organisationen. Im Hinblick auf die Mediennutzung ergaben sich ähnliche Differenzen: Auch hier waren es die Türken, gefolgt von den Marokkanern, die am ehesten Zeitungen und Fernsehprogramme nutzten, die auf ihre eigene Gruppe zugeschnitten waren.

Organisationseliten

Interessant ist nun, dass die Forscher in einer repräsentativen Umfrage zur politischen Partizipation in der Lokalpolitik und zum Vertrauen in die lokalen politischen Institutionen unter den vier Gruppen feststellen, dass sich die Reihenfolge der Gruppen genau wiederholte: Die Türken beteiligen sich bei weitem am häufigsten an Kommunalwahlen - in den Niederlanden haben Ausländer das Kommunalwahlrecht - und an nachbarschaftlichen Bürgerinitiativen. Außerdem weisen sie ein Niveau an Vertrauen in lokale politische Institutionen auf, das sogar höher als das gebürtiger Niederländer ist. Diese Ergebnisse deuten also darauf hin, dass eine stark integrierte ethnische Gemeinschaft und politische Integration in die Mehrheitsgesellschaft nicht in einem Konkurrenzverhältnis stehen müssen. Fennema und Tillie betonen in diesem Zusammenhang die Rolle der ethnischen Organisationseliten. Wenn diese über gute Verbindungen verfügen - wie dies bei den türkischen Eliten in Amsterdam der Fall ist -, erfüllen sie eine wichtige Scharnierfunktion für die Anbindung ihrer Basis an die lokalen politischen Institutionen, die bei den schwächer organisierten Gruppen fehlt. Inwiefern dies auch auf die Berliner Situation zutrifft - wo wir die Türken mit den Italienern, den Juden sowie den russischstämmigen Aussiedlern vergleichen werden -, bleibt abzuwarten.

Die deutschen Erfahrungen besagen aber, dass ein starker Bezug auf die eigene ethnische Gemeinschaft unter bestimmten Umständen auch negative Folgen für die politische Integration haben kann. Die oft gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten türkischen Gruppierungen, zwischen Aleviten und islamischen Fundamentalisten oder zwischen Türken und Kurden sind Beispiele dafür.

Ergebnisse aus einem zweiten Forschungsprojekt zeigen, unter welchen Bedingungen der integrierende oder fragmentierende Effekt von ethnischer Identität und Selbstorganisation dominiert. In diesem Projekt geht es um einen Vergleich der öffentlichen Mobilisierung von Zuwanderern in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz. Unter diesen Ländern zeichnen sich Deutschland und - in noch ausgeprägterem Maße - die Schweiz durch eine relativ geschlossene Politik gegenüber Zuwanderern, niedrige Einbürgerungszahlen und vergleichsweise geringe Zugangsmöglichkeiten von Zuwandererorganisationen zum politischen Entscheidungsprozess aus. Infolgedessen ist die ethnische Mobilisierung in Deutschland und der Schweiz sehr stark auf die Herkunftsländer bezogen geblieben, während die Aktivitäten von Selbstorganisationen in den anderen drei Ländern von Fragen der Integration im Aufenthaltsland bestimmt werden. Diese Unterschiede sind unabhängig von der spezifischen Zusammensetzung der Zuwandererbevölkerung und lassen sich auch dann feststellen, wenn man den Vergleich auf bestimmte ethnische Gruppen beschränkt. Ob man nun Türken, Ex-Jugoslawen, Iraner, Chinesen, Afrikaner oder gleich welche andere ethnische Gruppe vergleichend untersucht, immer sind sie in Deutschland und der Schweiz viel stärker auf die Politik ihrer Herkunftsländer orientiert als in den anderen Ländern.

Dieser Zusammenhang zwischen der Ausrichtung der ethnischen Mobilisierung und der Offenheit der staatlichen Integrationspolitik fällt auch dann auf, wenn man Städte und Bundesländer innerhalb Deutschlands vergleicht. In Städten wie Berlin und Frankfurt, die für ihre relativ liberale Integrationspolitik - und im Falle von Berlin für die bei weitem höchsten Einbürgerungszahlen - bekannt sind, richtet sich die Mobilisierung von Zuwanderern und ihren Organisationen weitaus stärker auf ihre Integration in die deutsche Gesellschaft und Politik als anderswo. Im Süden der Bundesrepublik dagegen, und insbesondere in Bayern, das die niedrigsten Einbürgerungszahlen der Bundesrepublik aufweist, finden wir eine weit überdurchschnittliche Konzentration der politischen Aktivität von Zuwanderern auf die Politik ihrer Herkunftsländer.

Somit scheinen die integrierenden oder fragmentierenden Effekte ethnischer Selbstorganisation stark von der von staatlicher Seite geführten Integrationspolitik abzuhängen. Eine staatliche Politik, die sich das integrationsfördernde Potenzial ethnischer Selbstorganisation zu Nutze machen möchte, muss ethnischen Gruppen die Möglichkeit eröffnen, eine aktive Rolle in der Politik ihrer neuen Wahlheimat zu spielen. Auf der Individualebene ist der Zugang zu staatsbürgerschaftlichen Rechten und damit zum Wahlrecht die wichtigste Voraussetzung dafür.

Auf der Organisationsebene gilt es, ethnische Organisationen nicht zu verteufeln oder auszugrenzen, wie dies in Deutschland zum Beispiel in Bezug auf islamische Organisationen oft geschieht, sondern sie zu fördern und in politische Verfahren und Gremien einzubinden. Die Ausgrenzung von Zuwandererorganisationen auf ethnischer und religiöser Basis unter Verweis auf "Parallelgesellschaften" droht sonst eine selbsterfüllende Prophezeiung zu werden. Eine Integrationspolitik, die ethnischen Gruppen keinen Platz im politischen Prozess bietet, trägt nur dazu bei, die ethnische Fragmentierung zu befördern, die sie eigentlich zu vermeiden sucht.

Quelle. Ruud Koopmans, in: Politische Beteiligung in der Migration - Die Herausforderung, Stamatis Assimenios, Yvette Shajanian (Hrsg.), 2001, S. 91-95.

zurück
 
nach oben

Stand 09.10.2009 | Sitemap | Impressum | Kontakt