Die westlichen Industrieländer sehen sich seit Jahren einem verstärkten Zuwanderungsdruck ausgesetzt. Politische Destabilisierung in Teilen eines internationalen Systems, das sich im Wandel befindet, demographische Entwicklungen und Verelendungsprozesse in zahlreichen Ländern der Dritten Welt bewirken, dass Menschen fliehen müssen oder freiwillig auswandern, um in anderen Ländern Schutz zu finden oder ihre Lebensperspektive zu verbessern. Die Industrienationen können sich auch in der Zukunft nicht gegen weitere Zuwanderungen abschotten, andererseits ist eine Politik der offenen Grenzen nicht praktikabel. Die aktuelle Diskussion um die Zuwanderung hat noch einmal gezeigt, dass ein umfassendes Einwanderungskonzept notwendig ist. Es bedarf einer Strategie, die neben der Regelung von Zuwanderungsprozessen auch die soziale, wirtschaftliche und politische Integration der Zugewanderten beinhalten muss.
Von der ersten Anwerbung von "Gastarbeitern" im Dezember 1955 bis zur
heutigen Diskussion über die Integration in eine multikulturelle Gesellschaft
war es ein langer Weg. Inzwischen sind die zweite und dritte Generation
von Zuwanderern herangewachsen, die sich in der deutschen Gesellschaft
als Inländer verstehen. Was bedeutet das für die Politik, die Gesellschaft
und für das
kulturelle Leben und Selbstverständnis der Einheimischen und der Zugewanderten?
In den letzten Jahren hat die Politik eingesehen, dass es einen Handlungsbedarf gibt. Es ist unumstritten, dass die Arbeitsmigration von 1955 bis 1973 keine abgeschlossene Phase in der Geschichte der Bundesrepublik war, sondern der Anfang einer kontinuierlichen Einwanderung. Mit den aus der Migration ergebenden Tatbeständen muss sich die Politik sowohl im nationalen als auch im europäischen und internationalen Rahmen befassen. Die Regelung der Zuwanderung im Kontext der internationalen politischen Realität sowie die Rechtsstellung der Zugewanderten sind die Prioritäten. Dennoch ist für die Menschen selbst nicht allein ausschlaggebend, wie die Rechtssituation ist, sondern wie wir miteinander leben.
Mit Recht bemerkt Rita Süssmuth, dass "die Kultur im wesentlichen ... dadurch bestimmt wird, dass es um eine Kultur des Zusammenlebens geht, aus dem sich dann die einzelnen kulturellen Formen entwickeln". Gleichzeitig müssen wir feststellen, wie wenig wir von der Kultur der anderen wissen.
Die Migrantenfamilien weisen eine große kulturelle Vielfalt auf, die auf die Pluralität ihrer nationalen, ethnischen und kulturellen Herkunft zurückzuführen ist. Die Bewahrung und Förderung der kulturellen Identität der MigrantInnen ist sehr eng verbunden mit ihrer persönlichen Identität. Sie stillt das Grundbedürfnis des Menschen nach vertrautem Gemeinschaftsleben. Dennoch schafft das Projekt Migration entgegen aller Klischeevorstellungen, dass es zu keiner starren Bindung an kulturelle Traditionen, sondern zu einem sozialen Wandel innerhalb der Familiengenerationen kommt. So wie die Kinder der
Migrantenfamilien als wichtige Integrationshelfer fungieren, in dem sie sprachliche Hilfen geben und Unterstützung bei Behördengängen usw. leisten, bauen auch die Migrantenselbstorganisationen Brücken zwischen Aufnahme- und Herkunftsland.
Die Pflege des "kulturellen Kapitals" durch die Migrantenselbstorganisationen
fördert die Selbstverwirklichung und bestätigt die persönliche Identität
einerseits, andererseits entwickeln sie mit und für die MigrantInnen soziale
Handlungskompetenzen. Trotz der vielfach bestätigten wichtigen Bedeutung
der Migrantenselbstorganisationen wurden sie bislang von Seiten
der Majoritätsgesellschaft allerdings eher vernachlässigt behandelt. Obwohl
die Migrantenselbstorganisationen private Selbsthilfe leisten, Versorgungslücken
mit ehrenamtlichen Dienstleistungen versorgen, wichtige Ansprechpartner
in Konfliktsituationen für die kommunale Verwaltung und Politik sind, präventive
Daseinsvorsorge durch Informationsveranstaltungen zu allen Themen des gesellschaftlichen
Lebens fördern, Gesundheits-, Erziehungs-, Bildungs- und
Ausbildungsfragen erörtern, einen besseren Zugang zum öffentlich-politischen
Leben der Aufnahmegesellschaft bieten und als Organ der Interessenvertretung
und des interkulturellen Dialogs fungieren, werden ihre Leistungen in der
Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, noch öffentlich gefördert.1
"Der Mangel an Anerkennung durch die politischen Instanzen spiegelt
sich auch wieder in der spärlichen finanziellen Unterstützung - die keinen
Vergleich aushält zu den von Deutschen initiierten interkulturellen Einrichtungen." 2
Dabei ist das Ziel der Selbstorganisationen nicht, die MigrantInnen in
einer "Binnenintegration" in die jeweiligen ethnischen Kolonien einzubinden
und von der Majoritätsgesellschaft zu isolieren, sondern ihr Hauptanliegen
soll die Stärkung des Selbstbewusstseins und somit gleichsam die Förderung
der Handlungskompetenz ihrer Mitglieder in Hinsicht auf eine gleichberechtigte
Teilnahme und Teilhabe an der Gesellschaft sein. "Selbstorganisationen
sollen einerseits Bestandteil einer multiethnischen Einwanderungsgesellschaft
bleiben, andererseits aber sollen sie darauf achten, dass sie im Rahmen
ihrer Tätigkeiten die Werte einer offenen Gesellschaft respektieren und
ihren Mitgliedern weitergeben. Eine der wichtigsten Aufgaben der Migrantenselbstorganisationen
heute besteht also in der Motivierung der MigrantInnen, vorhandene Partizipationschancen
zu nutzen und volle politische Rechte durch Einbürgerung zu erwerben. Demokratie
ist ein Lernprozess - sowohl für die Mehrheitsgesellschaft als auch für
die MigrantInnen." 3
Ein erfolgreicher Integrationsprozess beinhaltet zweifelsohne, abgesehen von der strukturellen kognitiven und sozialen Integration, die Förderung der politischen Beteiligung der MigrantInnen. In allen Teilfeldern der Integration kann und muss der Beitrag der Selbstorganisationen enorm sein. Alle Beteiligten haben ihre "Hausaufgaben" zu machen.
Quelle: Integration aus dem Leben gegriffen! Ressourcen und Wendepunkte im Integrationsverlauf, Hrsg. Assimenios, Tanriverdi, Bonn 2004, Simsek, Dimitriou, S. 25-27.
1 Vgl. ausführlich Gaitanides, Stefan, Selbsthilfepotential von Familien ausländischer Herkunft, freiwilliges Engagement und Selbstorganisationen von Migranten, Struktur, Funktion, Förder- und Anerkennungsdefizite, S. 6-11.
2 Gaitanides, Stefan, a.a.O., S. 13.
3 Assimenios, Stamatis, Migrantenselbstorganisationen und politische Partizipation, in: Assimenios, S./Shajanian, Y., Politische Beteiligung in der Migration: Die Herausforderung, Bonn 2001, S. 22.