"In naher Zukunft steht Europa ein Alterungsschub bevor. Die Zahl der
über 65jährigen wird sich in den kommenden vier Jahrzehnten fast verdoppeln. Außerdem wird
die geringe Kinderzahl in etlichen Ländern zu einem Schrumpfen der inländischen
Wohnbevölkerung führen. Noch sorgen die hohe Arbeitslosigkeit und das wenig
ausländerfreundliche Meinungsklima dafür, dass sich trotz dieser Entwicklung in Westeuropa
kaum jemand für Zuwanderung einsetzt. Aber es ist durchaus vorstellbar,
dass es im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts wieder zur aktiven Anwerbung
von Arbeitswanderern und wohl auch von Einwanderern kommen wird."¹
In Deutschland leben mehr als 8 Millionen Ausländer. Von ihnen sind 3,5
Millionen seit über fünfzehn Jahren in Deutschland ansässig und fast 2
Millionen
wurden hier geboren. Und wegen der Überalterung der deutschen Bevölkerung
ist eine weitere Zuwanderung zu erwarten. Aber selbst bei einer Zuwanderungssperre
wird der Anteil der Nichtdeutschen an der Bevölkerung aufgrund
des Familiennachzuges mittelfristig zunehmen.
Es ist dennoch festzustellen, dass in den letzten 50 Jahren etwa 31 Millionen. Menschen nach Deutschland eingewandert und 22 Millionen. abgewandert sind. "Obwohl Deutschland de facto ein Einwanderungsland ist, bleibt es zugleich ein Land der starken temporären Migration." Unter den neuen Bedingungen der globalisierten Welt, die zunehmend durch transnationale Waren- und Kapitalströme sowie grenzüberschreitende Dienstleistungen und international operierende Unternehmen charakterisiert wird, entwickelt sich die Migration zum großen Teil zur temporären Migration.2 Diese Tatsache findet geringe Berücksichtigung in der institutionellen Gestaltung der Migrationspolitik, trotz der Fortschritte, die in den letzten Jahren in den Regierungshandlungen zu beobachten sind.
Angesichts der Pluralität der Migrationshergänge ist eine differenzierte und offensive Migrationspolitik erforderlich, die über die Kompetenz verfügt, mit Hilfe der formellen und informellen Netzwerke der Zivilgesellschaft die unterschiedlichen Zielsetzungen und Leistungen der MigrantInnen und die Multidimensionalität der Wanderungsprozesse zu erkennen.
In diesem Kontext gewinnt die Forderung der aufgeklärten Öffentlichkeit,
der interkulturellen Sozialwissenschaften und der Migrantenselbstorganisationen
nach einer modernen Integrationspolitik, die sich auf das Primat der Handlungsfähigkeit
und der gleichberechtigten Teilhabe und Teilnahme der
MigrantInnen in der deutschen Gesellschaft bezieht, an Aktualität.
Die Lebenssituation von Zugewanderten wird in der ausländerpolitischen
Diskussion oft als ein Leben "zwischen zwei Kulturen" bezeichnet. Aus unserer
Erfahrung in der Migrationsarbeit und nicht zuletzt aus dem 6. Familienbericht
der Bundesregierung wissen wir dennoch, dass diese Bezeichnung eher die
tatsächliche Situation, die sehr komplex ist, verschleiert. "Denn jeder
Mensch wächst, lebt, muss sich reproduzieren unter Einfluss mehrerer Kulturen
- auch wenn sich diese voneinander nicht noch durch Merkmale unterscheiden. Das Problem
ist eher bei den Bedingungen zu suchen unter denen dies geschieht und nicht
an der Tatsache selbst, dass man mit mehreren Kulturen konfrontiert wird. Die
These, als Migrant würde man zwischen zwei Kulturen leben impliziert eine statische
Sichtweise der Kultur".3
Eine enorm wichtige Rolle für eine substanzielle Integration spielt hingegen das Erlernen der deutschen Sprache. Mit Recht wird im Bericht der Enquete-Kommission des Bundestages erkannt, dass die Sprachkompetenz in der deutschen Sprache eine entscheidende Rolle für die erfolgreiche Integration spielt. Dennoch ist die Kenntnis der Sprache eine "unverzichtbare, aber nicht hinreichende Bedingung für die Teilnahme und Teilhabe der Migrantenbevölkerung an der deutschen Gesellschaft".4 Daher ist die empfohlene verbindliche Teilnahme der Zugewanderten an Integrationskursen begrüßenswert.
Genau so wichtig ist die Rolle der Muttersprache, mit der die Identitätsbildung eng
verbunden ist. Daher kommt auch der Muttersprache eine wichtige
Bedeutung bei der Entwicklung der kulturellen Identität zu, die über das
erklärte
Ziel der Bewahrung der Sprache und Kultur des Herkunftslandes hinausgeht.
Der Einfluss von mindestens zwei Sprachen und Kulturen führt zu einer bikulturellen
Identität, fördert Kompetenzen und Fertigkeiten, die wichtige
Grundlagen für handlungsfähige Menschen in einer Gesellschaft, die sich
ändert, sind. Integration ist ohne Handlungsfähigkeit ein inhaltsloser
Begriff.
Nicht minder ist die Bedeutung der Bildung für eine erfolgreiche und
gleichberechtigte Integration. Sie ermöglicht den Zugang zu beruflichen
Positionen und zu weiteren kulturellen Systemen. Ein hohes Bildungsniveau
fördert ein positives Selbstkonzept der Migrantenfamilien und trägt dazu bei,
dass Kompetenzen im Umgang mit der eigenen Kultur und die der anderen Mitglieder
der Gesellschaft erworben werden.
Dennoch bietet das deutsche Bildungs- und Erziehungssystem Kindern und
Jugendlichen aus Einwandererfamilien nach wie vor zu wenig Hilfen. "Es
vermittelt unzureichend Fähigkeiten und Fertigkeiten, die beruflich-sozialen Aufstieg
ermöglichen. Es trägt nicht ausreichend bei zu einer Sicherung der Identität,
die notwendig ist für ein befriedigendes Leben in einer Einwanderungssituation
mit (mindestens) zwei Kulturen und Sprachen. Aber auch deutsche Kinder und
Jugendliche werden durch Familie, Schule und Jugendarbeit nicht hinreichend vorbereitet
für ein Leben in einer multikulturellen Gesellschaft".5
Zu dieser institutionellen Unzuständigkeit für die Migrantenkinder des
Bildungssystems kommt das Verhältnis zwischen vielen ausländischen Eltern und Lehrkräften,
das geprägt von Vorurteilen und Spannungen ist. Oft scheitert die Kommunikation
an sozio-ökonomischer, kultureller und sprachlicher Distanz. Ein
großer Teil der Eltern beherrscht die deutsche Sprache nicht ausreichend
und baut aus Unsicherheit eine gewisse Distanz zu den Lehrkräften auf. Auf
der anderer Seite verfügen die meisten deutschen LehrerInnen kaum über die
erforderlichen pädagogischen Kenntnisse in interkultureller Kommunikation
und so erweisen sich die Gespräche oft als problematisch.
Die meisten Familien ausländischer Herkunft sind dennoch bestrebt, über das Bildungssystem soziale Positionen zu erreichen. Die Bedingungen, unter denen sie in Bezug auf die Bildung ihre Kinder handeln, sind unterschiedlich und hängen mit der gesamten Migrationssituation zusammen. Trotz der Pluralität der Migrationsverläufe, sind hohe Bildungsziele und der Wunsch nach einer guten Ausbildung einer der Gründe, die zur Migration geführt haben. Bei Griechen, Spaniern, Polen und Iranern wird sogar eine höhere Bildungserwartung als bei anderen Migrantengruppen, sogar eine höhere als bei Deutschen, festgestellt. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der fremde Kontext in der Migration die Familien vor eine neue Herausforderung stellt. Im Prozess der Informationssuche und der Entscheidungsfindung brauchen die Eltern Unterstützung durch Vermittlung von Expertenwissen, durch die Institutionen und nicht zuletzt durch Hilfe zur Selbsthilfe. Hierbei spielen die Selbstorganisationen der MigrantInnen eine sehr wichtige Rolle, wie man aus den Ergebnissen der vorhandenen Untersuchung entnehmen kann.
Die erfolgreiche strukturelle Integration von MigrantInnen fordert eine
aktive Beschäftigungspolitik, Berufsberatungen mit interkultureller Kompetenz,
die Nutzung der strukturellen Möglichkeiten der ausländischen Betriebe und
eine aktive Förderung der Existenzgründungen.
Die zentralen Punkte aus Sicht der Migrantenselbstorganisationen, an denen
sich entscheidet, ob eine Integration erfolgreich verläuft, sind:
Die Essener Soziologin Maria Dietzel-Papakyriakou weist zurecht darauf hin, dass "die unterschiedlichen Ausstattungen der Familien an ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapital mit entscheiden, wie Biographien verlaufen und angesichts der im Lebenslauf anzutreffenden Chancen und Widerstände die Einmaligkeit jedes einzelnen Falles ausmachen".
Im Integrationsprozess kommt den Migrantenselbstorganisationen eine
substanzielle
Rolle zu. Die Selbstorganisationen bemühen sich, die gemeinsamen
Probleme der Migranten zu artikulieren, aber auch aktiv an der Lösung dieser
Probleme zu arbeiten. Nach dem Selbstverständnis der BAGIV sind die Selbstorganisationen
der MigrantInnen Agenturen zur Hilfe und Selbsthilfe. Sie sind
nicht nur da, um die Heimatkultur zu pflegen, sondern auch um die Integration
aktiv zu unterstützen. Und das kann lediglich durch mehr Partizipation
in den Entscheidungsgremien dieses Landes, durch eine größere Öffnung, durch eine
Offensive in die Institutionen, in die Gesellschaft, in der sie leben,
geschehen. Die Förderpolitik sollte "runde Tische" institutionalisieren und neue Beratungsgremien
entstehen lassen, die den Migrantenselbstorganisationen erlauben,
ihre erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen in den Mittelpunkt der Entscheidungsprozesse
zu stellen. Dadurch kann auch die Verwaltung die
Migrantenselbstorganisationen als Mittler und Multiplikator nutzen, um
ihre Anforderungen an die MigrantInnen zu stellen.
Alle Seiten sind aufgefordert die Integration optimal zu gestalten: Die MigrantInnen selbst, die Mehrheitsgesellschaft, die Wirtschaft, die Institutionen und die Politik. Die MigrantInnen sind aktive Subjekte des Integrationsprozesses und nicht passive Objekte. Wir denken nicht, dass sie ihrem Schicksal überlassen sind, wir sehen, dass es Möglichkeiten für aktive Partizipation gibt und diese Möglichkeiten müssen genutzt werden. Je erfolgreicher diese Chancen genutzt werden, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt Integration in Deutschland in der Zukunft nicht scheitert.
Quelle: Integration aus dem Leben gegriffen! Ressourcen und Wendepunkte im Integrationsverlauf, Hrsg. Assimenios, Tanriverdi, Bonn 2004, Assimenios, S. 19-23.
1 Miegel, M. Die Zukunft von Bevölkerung und Wirtschaft in Deutschland, in: Das Manifest der 60: Deutschland und die Einwanderung, München, 1994, S. 28.
2Dietzel-Papakyriakou, M., Zentrale Befunde und Perspektiven des Berichts der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel" des deutschen Bundestages, Die Zuwanderung: wissenschaftliche Analyse und politische Herausforderung, in: Sozialer Fortschritt 5-6/2003, S. 134.
3Kalpaka, A., Handlungsfähigkeit statt "Integration", München 1986, S. 24.
4Dietzel-Papakyriakou, M., a.a.O., S. 135.
5Boos-Nünning, U., Familie, Jugend, Bildungsarbeit, in: Das Manifest der 60: Deutschland und die Einwanderung, München 1994, S. 44.