Bundesarbeitsgemeinschaft
der Immigrantenverbände
in Deutschland e.V.

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EU-Projekt:

Partizipation, Mediation, Anerkennung.

Europäisches Forum in Girona

7. und 8. September 2000

Arbeitsgruppe: Anerkennung



Moderatoren:

Carole Grandjean

Myriem Amrani

Mission Locale de Forest /Belgien


Zusammensetzung der Gruppe:

Carole Grandjean
Directrice - Adjointe
Mission Locale de Forest a.s.b.l
29, blvd de la Deuxième armée britannique- 1190 Bruxelles
Telefon: +32.2.349.82.22
Fax: +32.2.349.82.29
E-mail: missionlocale.forest@freebel.net

Myriem Amrani
Projektmitarbeiterin
Mission Locale de Forest a.s.b.l
29,blvd de la Deuxième armée britannique- 1190 Bruxelles
Telefon: +32.2.349.82.20
Fax: +32.2.349.82.29
E-mail: missionlocale.forest@freebel.net

Saadia Aballouche
Médiatrice interculturelle
Associacio Alcantara de Mediadors i Mediadores Interculturals de Catalunya

Helder Alvar
Chercheur en Sciences de l'Education
Centre de recherche sur l'Imaginaire Social en Education,
Université Paris XIII 1bis, rue de la Résistance - 60100 Creil
Telefon: +33.3.44.28.03.34
E-mail: helder.alvar@fnac.net

Marie Kôhler
Formatrice
Collectif d'alphabétisation de Forest
27, blvd de la Deuxième armée britannique- 1190 Bruxelles
Telefon: +32.2.349.82.30

Béatrice Bataille
Formatrice
Collectif d'alphabétisation de Forest
27, blvd de la Deuxième armée britannique - 1190 Bruxelles
Telefon: +32.2.349.82.30

FORUM VON GIRONA: Workshop „Anerkennung“

Ziele des Workshops

§ Basis ist die Hypothese der Gruppe Dialog 3

§ Gegenüberstellung der einzelnen Praktiken

§ Klärung der verschiedenen Konzepte (Mediation, Anerkennung, Partizipation)

§ Lebensgeschichten

Vorstellung der einzelnen Teilnehmer:

Carole: Ich arbeite in Brüssel bei der Mission Locale de Forest, und zwar hauptsächlich mit Ausländern. Mein Interesse am Thema „Anerkennung“ rührt daher, dass ich vor ungefähr einem Jahr mein Studium abgeschlossen habe und meine Arbeit sich mit dem Thema Anerkennung befasste.

Helder: Ich forsche auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaften in Paris VIII und meine Doktorarbeit befasst sich mit dem Thema „Familie und Schulbildung“. Fehlende Mediation und geringe Berücksichtigung der Multikulturalität als Integrationsfaktor in die französische Gesellschaft fördert die Stigmatisierung und den Schülern fehlt es oftmals an Anerkennung. Das integrative Ideal ist in Frankreich die Monokultur, die keine Unterschiede zwischen familiären und schulischen Werten berücksichtigt. So entsteht ein Konflikt. Dieser Konflikt ist Untersuchungsgegenstand von Fachleuten und sozialen Mediatoren. Es ist wichtig, Strategien für die Ausbildung von Mediatoren zu entwickeln, die aus dem Migrantenumfeld kommen und in der Lage sind, die Kultur „in Empathie“ zur Familie zu interpretieren und die einen von der Aufnahmegesellschaft anerkannten Status besitzen, weil es oftmals die Institutionen des Aufnahmelandes sind, die sich um die Migranten kümmern, ohne deren kulturelle Realität zu berücksichtigen.

Darüber hinaus unterrichte ich portugiesische Kinder in einer höheren Schule in Frankreich in Portugiesisch. Es handelt sich dabei um Kinder von Migranten, die ebenfalls mit „Integrationsproblemen“ zu kämpfen haben – den Aussagen der französischen Soziologen und Psychologen zum Trotz, die behaupten, dass sie sich gut integriert haben. Tatsächlich aber ist auch bei den portugiesischen Kindern ein erhebliches Schulversagen festzustellen.

Ich weise nachdrücklich auf die Wichtigkeit der Institutionalisierung von muttersprachlichem Unterricht hin, um jeglichen Rückzug von der Gemeinschaft und jeglichen Fanatismus zu verhindern.

Der Diskurs über die Institution Schule ist der beste Beweis für den familiären Misserfolg und sogar das Versagen des Kindes: Wenn der Vater oder die Mutter zur Schule kommt, wirft man ihnen vor, dass sie „die Bestie nicht gezähmt“ haben.

Wir haben es mit Konflikten zu tun, auf die die Schule nicht vorbereitet ist. Sie muss sich also an einen Mediator wenden, der die Kultur und das Wertesystem der Familie und der schulischen Institution kennen muss.

Saadie: Ich habe 1 ½ Jahre bei einer Organisation in Barcelona als interkulturelle Mediatorin mit Migrantinnen aus Marokko und Lateinamerika gearbeitet. Ich habe mich in dieser Einrichtung nicht sehr wohl gefühlt, weil ich ständig das Gefühl hatte, kontrolliert zu werden. Also habe ich mit einigen Kollegen beschlossen, eine Organisation für interkulturelle Mediatoren zu schaffen, um zu verhindern, von einer Institution angestellt zu werden.

Das Ziel meiner Arbeit besteht darin, es lese- und schreibeunkundigen Frauen aus ländlichen Gegenden zu ermöglichen, sich zu orientieren und zu informieren.

Ich werde hier über meine Erfahrungen sprechen, bei denen der Wertekonflikt zwischen den Migranten und der Aufnahmegesellschaft sehr markant war.

Es ging dabei um eine marokkanische Familie, die beschlossen hatte, ihre Tochter im Alter von 15 Jahren zu verheiraten. Für die Institutionen des Aufnahmelandes (Spanien) stand fest, dass die Eltern nicht in der Lage waren, ihre Tochter zu erziehen, sie waren unzivilisiert. Tatsächlich aber war es so, dass die Eltern nicht wussten, dass ihre Tochter volljährig (18 Jahre) sein musste, um zu heiraten, und indem sie entschieden, ihre Tochter im Alter von 15 Jahren zu verheiraten, verletzten Sie das spanische Recht.

Ich habe mit Nachdruck auf die Notwendigkeit hingewiesen, den Standpunkt der Eltern zu verstehen, ihnen entgegen zu kommen und die Werte des Anderen anzuerkennen.

Marie: Ich arbeite im Alphabetisierungsteam de Forest in Brüssel mit Müttern in einer Gemeindeschule. Im Übrigen habe ich soeben mein Studium als Sonderschulpädagogin abgeschlossen. Meine Examensarbeit stand in Verbindung zu einer beruflichen Erfahrung. Ich hatte mit den Müttern neben der schulischen Unterstützung ein gemeinsames Ziel.

Für mich handelte es sich dabei um eine echte Herausforderung. Es ging darum, die Aussagen der Lehrer zu analysieren („Man sieht die Eltern nie in der Schule, sie unterstützen ihre Kinder nicht“) und dann das zu bewerten, was die Mütter in Sachen schulischer Unterstützung leisteten. Ich habe sie daher gebeten, zwei Fragebögen auszufüllen.

Der erste bezog sich auf die sprachlichen Fähigkeiten, z.B.: „Lesen Sie die Klassenprotokolle Ihrer Kinder?“. Der zweite bezog sich auf konkrete Handlungen, z.B.: „Unterschreiben Sie die Zeugnisse oder Klassenprotokolle Ihrer Kinder?“ Mir war bewusst, dass viele die Protokolle und Zeugnisse unterschrieben, ohne sie zu verstehen.

Leider brachten mir diese geschlossenen Fragen keine Antwort. Daher habe ich Ihnen vorgeschlagen, dass wir uns sieben Mal versammeln sollten, und zwar nach den Unterrichtsstunden, da die Mütter nicht während der Alphabetisierungskurse darüber diskutieren wollten. Ich glaube, sie haben meinem Vorschlag zugestimmt, weil zwischen uns ein Vertrauensverhältnis bestand und sie fühlten, dass sie nicht verurteilt werden sollten.

Im Laufe dieser Treffen wurde mir bewusst, dass die Mütter ein Verhaltensmuster entwickelt hatten: Das Fernsehen wurde erst eingeschaltet, wenn die Hausaufgaben erledigt waren; sie verlangten die Klassenprotokolle zu sehen, auch wenn sie sie nicht lesen konnten; wenn da etwas geschrieben stand, dann gab es zwangsläufig Pflichten zu erfüllen – die rote Farbe war ein Synonym für Versagen. Tatsächlich war es so, dass, wenn die Mütter etwas in rot geschrieben sahen, sie ihre Kinder systematisch bestraften, denn sie wussten nicht, dass auch die guten Noten in rot geschrieben wurden. Man musste also den Lehrern erklären, dass sie eine andere Farbe verwenden sollten.

Ich habe ihnen vorgeschlagen, die schulischen Schreiben zu bearbeiten. Diese Arbeit hat das Vertrauen der Frauen gestärkt, weil sie nun besser das Schulvokabular (Hausaufgaben, Unterricht usw.) verstanden. Seitdem gehen sie zu allen Schulversammlungen, Schule ist zu ihrer Angelegenheit geworden, sie treffen sich mit den Lehrern, weil sie keine Angst mehr davor haben, mit ihnen zu sprechen. Sie wissen, welche Fragen sie ihnen stellen müssen. Früher haben sie Sachen gefragt, wie „Ist mein Kind brav?“ Heute geht es ihnen darum zu erfahren, ob das Kind gut mitarbeitet. Darüber hinaus können sie die Zeugnisse lesen und sind sich der Sachverhalte bewusst; sie assoziieren „rot“ nicht mehr mit „schlecht“.

Seit diesem Jahr haben wir ein neues Interventionsmodell. Zusätzlich zu den Alphabetisierungskursen beabsichtigen wir die Erörterung spezifischer Fragen mit schulexternen und -internen Referenten. Zum Beispiel wird es um die Frage der Erziehung von Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren gehen, die eine gemeinsame Sorge der Schule und des Alphabetisierungsteams ist; um das Erlernen der französischen Sprache, ohne die Muttersprache zu verlieren; um die Sonderschulerziehung, um die Debatte der Abschaffung von Hausaufgaben. Das Abschaffen der Hausaufgaben könnte für die Eltern interessant sein, die arbeiten gehen, für unsere Mütter aber sind Hausaufgaben das einzige Bindeglied zur Schule.

Exposé von Carole Grandjean, das den Themenrahmen angibt:

§ Über die Frage der Anerkennung: siehe Beiblatt

§ Über die Partizipation:

  • Der Wille, auf Formen der „partizipativen“ Demokratie zurückzugreifen, Verweis auf die Unzulänglichkeiten der repräsentativen Demokratie (niemand hat ein Wahlrecht, Vertrauensverlust der Bürger, Entfremdung usw.)
  • Allerdings ist, wenn man sich auf Paul Ricoeur beruft,
    • 1. die Demokratie eine Form der Machtausübung in einer geteilten Gesellschaft (im Gegensatz zu Gemeinden), die von Widersprüchen durchsetzt ist.
    • 2. eine Gesellschaft demokratisch, die sich zum Ziel setzt, an diesen Widersprüchen zu arbeiten,
      • indem sie sie zunächst zum Ausdruck bringt, insbesondere durch das Wahlrecht,
      • sie dann analysiert,
      • anschließend darüber berät (debattiert)
      • und schließlich eine Entscheidung trifft.
    • 3. es im Sinne der Partizipation unbedingt erforderlich, dass die Gesellschaft Verfahren entwickelt, die es ermöglichen, dass alle Mitglieder vor dem Gesetz gleich sind: also die ersten drei Punkte (Schiedsspruch: Das Urteil kann nicht von jedem getroffen geworden).
    • Dies alles ist im Laufe der Zeit noch komplizierter geworden:
      • Zu Beginn – die „kapazitative“ Demokratie – sind es nur wenige Vertreter, die die wesentliche demokratische Arbeit machen
      • Auch der Machtausübungsbereich hat sich weiterentwickelt: Ausbreitung dessen, was unter finanziellen Gesichtspunkten diskutiert wird
      • Demokratisches Arbeitsfeld: Zunächst waren es Städte, dann kam der Staat. Heute ist die Demokratie eines Nationalstaates zwangsläufig von Widersprüchen globaler Tragweite durchsetzt
      • Wir befinden uns auf dem demokratischen Spielfeld einem System von Akteuren gegenüber:
      Heute greifen öffentliche/private und kaufmännische Freiräume ineinander.

      Unter Berücksichtigung aller dieser Elemente sieht man, dass es also nicht mehr möglich ist, eine spontane und sofortige Zustimmung zu einer gemeinsamen Weltsicht zu erhalten (Beispiel: in Sachen Euthanasie usw.).

      Die Probleme sind derart komplex, dass die Vertreter nicht länger allein gelassen werden dürfen.

      Man kann nicht mehr als Vertreter auftreten, ohne die Menschen zu mobilisieren. Andererseits kann man sich nicht mehr damit zufrieden geben, vertreten zu werden, ohne sich ständig selbst zu mobilisieren.

§ Über die Mediation:

In diesem Rahmen und im Kontext der Verweigerung der Anerkennung haben wir die Mediation als eine Strategie entwickelt, die es den Beteiligten ermöglicht, die Konflikte, denen sie gegenüberstehen, auszudrücken und von dort ausgehend die Anerkennung wieder zu erlangen und dazu beizutragen, die Beteiligten in die Lage zu versetzen, sich auszudrücken, zu analysieren und zu debattieren (und somit in die Richtung einer größeren demokratischen Partizipation zu gehen).

Debatte:

Maria: Carole ist optimistisch. „Die Revolte geht in diese und keine andere Richtung“. Welche Katalysatoren gibt es? Woher kommt dieser Optimismus? Die Arbeit mit den Müttern ist eine Arbeit zur Rehabilitation der Mutterrolle, die sie verloren hatten, der Jugendliche sucht seine Rolle.

Carole: Ich habe Vertrauen zu den Menschen. Ich stehe Aktionen in kleinen Schritten und im Laufe der Zeit, die von der Basis kommen, positiv gegenüber.

Helder: Die Schule hat nicht die Möglichkeit, alle Probleme zu diagnostizieren. Die Schule produziert das Versagen einfach deshalb, weil sie fähig ist, die „Integrationsbemühungen“ der Jugend zu erkennen. Daher ist es grundlegend, die Kultur der Migranten zu kennen und Empathie zu beweisen. Ich denke dabei insbesondere an die Weiterbildung der Lehrer.

Maria: Über welches Versagen sprechen wir hier denn? Für mich hat auch die Aufnahmegesellschaft versagt. Sie bietet einzig und allein einsprachige Schulen an und die von ihre verwendeten Statistiken sind verzerrt, weil sie nicht das vergleichen, was vergleichbar ist.

Für mich haben die Eltern nicht versagt: Die Frauen nehmen Kurse, lösen die alltäglichen Probleme in einer neuen Gesellschaft. Man sollte festhalten, dass der Migrationsplan gescheitert ist.

Man darf nicht die Öffentlichkeit brandmarken, mit der man arbeitet. Man muss die Beteiligten von ihren Rollen lösen, Distanzierung beweisen, um sich selbst und den anderen zu betrachten. Diese Arbeit muss von externen Vertretern erledigt werden.

Auch die Projekte der Migranten müssen beachtet werden. Die Rückkehr ins Land ist möglich! Es ist gefährlich, nur eine einzige Perspektive, nämlich die des Aufnahmelandes, anzunehmen, die nur diejenigen sieht, die bleiben. Was den Migranten interessiert, ist die Anerkennung seiner Zugehörigkeitsgruppe, die ihm seine Weiterentwicklung voraussagen kann, weil sie seinen Aufbruch erlebt hat.

Carole: Es wäre interessant, die Statistiken über die Rückkehr von Migranten nach Belgien zu sehen. Ich denke, dass die Migranten ebenfalls die Anerkennung durch die Institutionen des Aufnahmelandes, wie die kommunale Verwaltung, die Schule, die Polizei nötig haben und dass sie sich in diese verschiedenen Bereichen respektiert fühlen.

Helder: Das lässt mich an das Pendelprinzip denken. Man sieht ein wenig hier, ein wenig da, weil die Kinder hier sind. Dort ist man von der Gruppe anerkannt, weil man reich geworden ist (Auto, Haus, Gold usw.), die Frauen haben einen ehrbaren Status erlangt, sie beackern den Boden nicht mehr.

ÜBERBLICK ÜBER DIE DEBATTEN BEZÜGLICH DER ANERKENNUNG, DER PARTIZIPATION UND DER MEDIATION

ANERKENNUNG:

§ Die Allgemeingültigkeit der Einzelwege vorgeben, um die Unterschiede herauszustellen. Eher alles das sehen, was uns eint, als sich lange bei den Unterschieden aufzuhalten.

§ Offen bleiben für alle Perspektiven (Niederlassen oder Rückkehr des Migranten in sein Heimatland)

§ Grenze: der Werteschock. Man kann im Namen der Achtung vor den Unterschieden nicht alles akzeptieren. Respekt heißt akzeptieren, dass der andere sich auf seinem Gebiet entwickelt, aber auch seinen eigenen Standpunkt behaupten

§ Die Wichtigkeit, einen Beteiligten in Bezug auf einen anderen nicht zu diskriminieren (siehe Eltern-Kind-Lehrer). Man muss mit allen Beteiligten arbeiten.

PARTIZIPATION:

§ Prozess der ständigen Erziehung, nach und nach und in kleinen Schritten

§ Notwendigkeit, gemeinsam eine Diagnose zu stellen (mit allen Beteiligten), um eine Analyse der Bedürfnisse zu ermöglichen.

MEDIATION

§ Freiraum, in dem es möglich ist, Standpunkten, Unbehagen und Konflikten Ausdruck zu geben.

§ Vertrauensverhältnis zum Mediator

§ Legitimität des Mediators

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