Bundesarbeitsgemeinschaft
der Immigrantenverbände
in Deutschland e.V.

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Endbericht zum EU-Projekt:

Mobilität als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung.

Betrifft: Verwendungsnachweis
Dossier-Nr.: SI2.291917
Aktenzeichen: VS/2000/0600
Haushaltslinie: VP/2000/013

Träger: Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände (BAGIV)

Projektbezeichnung: Mobilität als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung

Projektzeitraum: 31.12.2000 - 31.12.2001

Inhaltsverzeichnis:

A. Einführung 2
B. Projektkonzeption 4
C. Methode und Projektdesign 6
D. Projektverlauf 6
E. Empfehlungen 13
F. Externe Evaluation 18

Anhang



A. Einführung

Das Projekt "Mobilität als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung" ist durch die transnationalen Kontakte zwischen fünf Organisationen: BAGIV (Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in der Bundesrepublik Deutschland) Nikos Poulantzas Society, Stichting Netwerk Almelo, Universität Essen und dem Institut für Soziologie der Universität Wien entstanden, die in einem Jahr enger Zusammenarbeit zu dem Thema des Projektes gearbeitet haben. Untersuchungsgegenstand des Projektes war Mobilität als Chance zur aktiven Entgegnung auf Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft und des Alters in gesellschaftlich-sozialer und politischer Hinsicht. Es wurde eine Paradigmenerweiterung angestrebt, die dazu führen soll, dass Migration aus der Perspektive der involvierten Individuen verstanden wird, so dass vorhandene "Prädispositionen", Lebenspläne und Migrationsstrategien der Individuen als legitim anerkannt und gefördert werden. Dabei wurde ein horizontaler Ansatz der Diskriminierungsbekämpfung gewählt. Die Untersuchungsdaten wurden durch Interviews mit Experten in allen vier beteiligten Ländern erhoben.

Die BAGIV aus Deutschland vertritt aufgrund ihrer Mitgliederstruktur eine erhebliche Anzahl von Migrantenselbstorganisationen. Daher repräsentiert sie eine direkte Beteiligung von Gemeinschaften immigrierter Personen, organisiert durch Vereine und/oder Verbände. In dem durchgeführten Projekt oblag der BAGIV nicht nur die Koordination und Organisation des Projektes, sondern sie trug als gleichwertiger Partner durch ihre Erfahrungen und Kontakte ebenfalls erheblich zur inhaltlichen Konzeption des Projektes bei. Die Partner verfügen über Fachwissen und Erfahrungen in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens, wie Forschung (Universität Essen in Deutschland und das Institut für Soziologie der Universität Wien in Österreich), Politik (Nikos Poulantzas Society aus Griechenland mit Sitz in Athen) und Praxis (BAGIV und Stichting NetWerk Almelo aus den Niederlanden). Die Zusammenführung dieser Bereiche ermöglichte es auf europäischer Ebene, über mehrere Sektoren hinweg, kontextbezogene Vorschläge zu erarbeiten.


Die Partner:

Deutschland
Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in der Bundesrepublik Deutschland (BAGIV)
Stamatis Assimenios
Baumschulallee 2a
Telefon: 0049-228-224610 Fax: 0049-228-265255
E-mail: info@bagiv.de
Website: www.bagiv.de

Universität Essen Athena Leotsakou, M.A.
Fachbereich 2
Universitätsstraße 2
D-45141 Essen
Telefon: 0049-201-183-3549 Fax: 0049-201-183-2303
E-mail: a.leotsakou@uni-essen.de
Website: www.uni-essen.de

Österreich
Institut für Soziologie der Universität Wien Ass. Prof. Dr. Christoph Reinprecht
Alserstrasse 33
A-1080 Wien

Telefon: 0043-1-4277481-35 Fax: 0043-1-4277481-26
E-mail: christoph.reinprecht@univie.ac.at
Website: www.soz.univie.ac.at

Griechenland
Nikos Poulantzas Society Prof. Dr. Georgios Tsiakalos
14, Sarri Str.
GR-10553 Athen
Telefon: 0030-1-3217745 Fax: 0030-1-3212531
E-mail: mail@eppnp.gr

Niederlande
Stichting NetWerk Gerrit van Ginkel
Postbus 255
NL-7600 Almelo
Telefon: 0031-546-546666 Fax: 0031-546-829466
E-mail: gvginkel@netwerk-almelo.nl

B. Projektkonzeption

Diskriminierungen aufgrund der ethnischen Herkunft von Menschen gehören zum alltäglichen Leben in den Staaten der EU. Diese können sich auf unterschiedliche Bereiche beziehen, sind aber dennoch in ihren Konsequenzen ähnlich strukturiert: Sie verwehren den Individuen eine adäquate Teilnahme und Teilhabe an der Aufnahmegesellschaft.

Diese ausgrenzenden Folgen können beispielsweise auf dem Bildungssektor beobachtet werden, wenn man bedenkt, dass die Bildungssituation der Kinder ausländischer Herkunft sich deutlich schlechter gestaltet als die vergleichbare Situation einheimischer Kinder und Jugendlicher, was sich u.a. an der geringeren Bildungsbeteiligung nachweisen lässt. Den speziellen Bedürfnissen (z.B. erhöhter Förderungsbedarf in bezug auf das Erlernen der Sprache der Einreisegesellschaft), aber auch den speziellen Fertigkeiten (z.B. stärkere interkulturelle Prädisposition und Sensibilität) werden nur in geringem Maße in Rechnung gestellt und in noch geringerem Maße in die Integrationsbemühungen von Aufnahmegesellschaften mit einbezogen.

Vor allem Aufnahmegesellschaften, die ein Integrationskonzept verfolgen, das sich primär auf die schrittweise Assimilation von unterschiedlichen ethnischen Gruppen in die Gesellschaft bezieht, können den unterschiedlichen Identitätskonzepten, Lebensentwürfen und kulturellen Besonderheiten durch ihre auf "Vereinheitlichung" angelegte Politik nicht gerecht werden. Dennoch sind aber gerade diese Faktoren für eine erfolgreiche Integration und somit für eine Verbesserung der Chancengleichheit in der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung, da sie, abweichend vom Ideal der Einheit, ein reales Konzept der Vielfalt berücksichtigen.

Ein Bereich, der in den bisherigen Integrationskonzepten nicht oder nur am Rande berücksichtigt bzw. zur Kenntnis genommen worden ist, sind die Phänomene der Remigration und Transmigration von ImmigrantInnen. Denn entgegen der weit verbreiteten öffentlichen Meinung, dass Einwanderung häufig mit einer langen Aufenthaltsdauer verbunden ist, ist die Fluktuationsrate vergleichsweise hoch. Vor allem die Pendelbewegungen (Transmigration) zwischen Aufnahme- und Herkunftsland sind eine Migrationsstrategie, die in den Aufnahmeländern bisher kaum Beachtung oder Berücksichtigung erfahren hat. Transmigrationen sind ein Beispiel für die (oben erwähnten) unterschiedlich angelegten Lebensentwürfe von MigrantInnen. Dieses Pendelverhalten entspricht den Mobilitätsbedürfnissen, aber auch den biographisch geprägten Bedürfnissen von MigrantInnen, da dieses die Möglichkeit bietet den Herkunfts- mit dem neuen Lebenskontext zu verbinden. Die Aufgabe der Herkunftsidentität steht dabei nicht zur Disposition. Diese biographisch geprägte Prädisposition zur Mobilität entspricht den Erfordernissen in einer globalisierten Welt und kann dabei helfen die Folgen der ethnisch bedingten Diskriminierung im Aufnahmeland zu vermindern, da die Rückkehroption das Migrationsrisiko senkt. Darüber hinaus bietet sie eine Chance zur Brückenbildung zwischen beiden Ländern, die von den Aufnahmeländern allerdings weder in ausreichender Weise gesehen noch gefördert wird, obwohl diese den MigrantInnen eine Möglichkeit eröffnet den Benachteiligungen im Aufnahmeland in aktiver Art und Weise zu begegnen.

Das Projekt beleuchtet zwei Aspekte: Zum einen die Ignoranz und somit Nichtförderung der Mobilität in assimilativ ausgerichteten Aufnahmeländern, bezogen auf die speziellen Ressourcen und Fähigkeiten von MigrantInnen; zum anderen das wenig untersuchte Phänomen der Mobilität im europäischen Kontext. Dies erfolgte am Beispiel der sogenannten "europäischen Arbeitsmigration", da es diese Eingrenzung erlaubte, der europäischen Perspektive besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Zwei Gruppen galt dabei unser besonderes Interesse. Als erstes bezog sich die Untersuchung auf die Jugendlichen der "zweiten Migrantengeneration", deren interkulturelle Kompetenzen von seiten des Bildungssystems her selten Anerkennung und Unterstützung erfahren, obwohl gerade diese Fähigkeiten eine Möglichkeit zur Kompensation der schlechteren Ausgangsbedingungen ermöglichen könnten. In späteren Lebensphasen, etwa beim Einstieg ins Berufsleben werden aber gerade solche interkulturellen Kompetenzen gefordert. Auch als Reaktion auf ausländerfeindliche Übergriffe und Diskriminierung wird von seiten der Politik diese Kompetenz als Entgegnungsmöglichkeit immer wieder betont.

Als weitere Gruppe der Untersuchung wurde die Mobilität von Einwanderern der 1. Generation betrachtet, die in einem Alter sind, welches im ursprünglichen Migrationskonzept der Einwanderungsländer gar nicht vorgesehen war. Ältere MigrantInnen erfordern spezielle Fürsorge, die sich grundsätzlich von derjenigen unterscheidet, die gegenwärtig für die einheimische ältere Bevölkerung geleistet wird. Bei beiden Gruppen der Untersuchung erfolgte, wie oben erläutert, die Diskriminierung nicht allein aufgrund der ethnischen Herkunft, sondern auch aufgrund der Lebensphase, in der sie sich gerade befinden. Diese Lebensphase erfordert eine spezielle Förderung, die jedoch im Zuge der assimilativen Integrationsanstrengungen weder wahrgenommen, noch in Rechnung gestellt wird, obwohl gerade hier Bedarf zum Ausgleich von Benachteiligung besteht.

Ziel des Projektes war es, zu einem Perspektivenwechsel beizutragen und Handlungskonzepte zu entwickeln, die zum besseren Verständnis von Mobilität von MigrantInnen und damit letztlich zum Abbau von Diskriminierung beizutragen.

C. Methode und Projektdesign

Bei dem Projekt handelte es sich um eine explorative Studie eines bis heute auch in der Migrationsforschung und Migrationsarbeit wenig beachteten, aber relevanten Themas. Die Arbeit erfolgte in fünf Phasen. In einer ersten Phase wurden die inhaltlichen Voraussetzungen und Begriffsdefinitionen innerhalb der Gruppe geschaffen; in diesem Zusammenhang wurden auch die Bedingungen der Länder aufgearbeitet und mit einander verglichen und die wissenschaftliche Forschung in diesem Bereich berücksichtigt (Literaturrecherche). In einer zweiten Phase wurde ein methodisches Instrumentarium zur Durchführung der geplanten aktivierende Expertenbefragung entwickelt (s. Anhang). Die dritte Phase beinhaltete die Durchführung der Interviews; die Auswahl der Befragten erfolgte anhand des Kriteriums, qualifizierte Experten aus den Bereichen Politik, Verwaltung und Migrationsarbeit zu interviewen. In der vierten Phase wurden die Interviews dokumentiert und ausgewertet und schließlich im Rahmen eines internationalen Expertenforums validiert. Die Ergebnisse der Interviews und der Expertenberatung bildeten die Grundlage für die Formulierung von Empfehlungen und die Identifizierung von Handlungsebenen. Die fünfte Phase diente der Dokumentation und Publikation des Projektes.

D. Projektverlauf

Der Projektzeitraum von einem Jahr hat den Partnerorganisationen organisatorische Beschränkungen auferlegt, so dass die Zusammenarbeit innerhalb dieses Zeitraumes von intensiven Gesprächen während der einzelnen Treffen und Austausch mittels elektronischer Medien in der Zeit zwischen den einzelnen Treffen geprägt war. Insgesamt haben fünf Arbeitstreffen in den Partnerländern in Essen, Almelo, Athen, Wien, Bonn und ein Expertenforum in Berlin, Deutschland im Laufe des Jahres stattgefunden, um eine Vertiefung der inhaltlichen Diskussion und eine Abstimmung des fortlaufenden Prozesses abzustimmen.

1) Das erste Treffen fand vom 25. - 27. Januar 2001 in Essen, Deutschland statt.
Nach der Vorstellung der TeilnehmerInnen und der Organisationen, die sie vertreten, sowie ihrer Arbeitsbereiche, wurden die organisatorischen und finanziellen Fragen geklärt. Außerdem einigten sich die Partner auf die konkreten Termine für die weiteren Treffen. Einem allgemeinen Brainstorming folgten Vorschläge zur konkreten Umsetzung, vorläufigen Definitionsbestimmung, Begriffsklärung und für Überlegungen zur methodischen Vorgehensweise.

Der Projekttitel Mobilität als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung war Ausgangs- und Endpunkt der Überlegungen, wobei der Definition der Begriffe Mobilität und Diskriminierung eine große Bedeutung zukommt.

In der Diskussion konnte ein Konsens über folgende Bereiche erzielt werden:

  • Mobilität von MigrantInnen ist in den Staaten der EU existent, kann jedoch nicht genau durch die amtliche Statistik erfasst werden.
  • Die Nichtberücksichtigung von Mobilität von MigrantInnen als Bedürfnis und Chance wird als Ausdruck einer institutionalisierten Diskriminierung verstanden.
  • Mobilität ist eine Strategie von MigrantInnen, hinter der sich die unterschiedlichsten Handlungsmuster verbergen.
  • Es wurde eine vorläufige Definition von Integration vorgenommen, die Integration als einen Prozess versteht, der es dem Individuum ermöglicht, angesichts sich verändernder Bedingungen im Lebenslauf adäquat zu agieren. Ziel ist eine gleichberechtigte Teilnahme und Teilhabe an der Gesellschaft. Der Fokus dieser Definition ist individuumszentriert, ohne den Aspekt gesellschaftlicher Einflussnahme außer Acht zu lassen. In diesem Zusammenhang kann man von Fähigkeiten (Biographie, Ressourcen, Erfahrungen, etc.) im Sinne eines Möglichkeitsraumes, bezogen auf das Individuum, und von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (institutionell, strukturell, rechtlich, etc.) sprechen.
  • Die nationalstaatliche Perspektive verliert angesichts der europäischen Integration und Globalisierung an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund entstehen neue Phänomene im Migrationsprozess, die u.a. den Aktionsraum des Individuums erweitern.
  • Transmigration, Pendelmigration und Remigration sind verschiedene Ausprägungen temporärer Migration.

Im Hinblick auf die Durchführung der explorativen Studie wurde ein erstes Brain-Storming durchgeführt. Die Fragen focussierten sich auf folgende Bereiche:

  • Welche Experten sollen befragt werden?
  • Welche rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen existieren für Mobilität?
  • Welche Gründe sprechen für die Rückkehr?
  • Wie werden Entscheidungen zur Rückkehr, zum Pendeln etc. gefällt?
  • Wie kann man diese Art der oben genannten Entscheidungsfindung operationalisieren für die Untersuchung?
  • Sollen ebenfalls Fragen für die vier Spezialgebiete (1. MigrantInnengeneration, 2. MigrantInnengeneration, kommunale und nationalstaatliche Ebene) mit eingebaut werden?

2) Das zweite Treffen fand vom 5. - 7. April in Almelo, Niederlande statt.

Zu Beginn des zweiten Treffend wurde auf Basis des Diskussionsprotokolls aus Essen die Begriffsklärung weitergeführt. Eine vorläufige Übereinstimmung wurde erzielt:

  • Der Begriff Transmigration wird als eine Form von Mobilität interpretiert;
  • Mobilitätskompetenzen werden als Voraussetzungen verstanden, die ein Individuum braucht, um mobil zu sein.
  • Voraussetzungen für Mobilität sind abhängig von Maßnahmen auf kommunaler und nationaler Ebene. Kommunale, nationale und EU-Ebene sind zunehmend verschränkt, jedoch werden die wichtigsten Voraussetzungen für Mobilität auf kommunaler und nationaler Ebene entwickelt.
  • Eine Typologie von Mobilität wurde wie folgt entwickelt:
    • 1. von A nach B (Migration)
    • 2. von A nach B und von B nach A (Migration - Remigration)
    • 3. von A nach B und von B nach A und von A wieder nach B (Pendeln)
    • 4. von A nach B und von B nach C (Migration - Weiterwandern)

Hauptziel des Treffens in Almelo war das Erstellen eines Interviewleitfadens, um ExpertInnen über ihre Erfahrungen mit der Mobilität von MigrantInnen zu befragen.

Thematisch gliederte sich der Leitfaden in Erfahrungen und Formen von Mobilität, Förderung von Kompetenzen als Voraussetzung von Mobilität, Einschätzung der Rahmenbedingungen und Bewertung der Mobilität im Hinblick auf das Individuum, das Aufnahmeland und die Herkunftsgesellschaft (s. Anhang).

Zur Durchführung und Organisation der Interviews wurde vereinbart, dass jeder Projektpartner mindestens 10 Expertengespräche führt, um Einschätzungen aus den folgenden Bereichen zu erhalten: Sozialversicherung; Hoheitsverwaltung (Sozialministerium; Innenministerium); Kommunalverwaltung; migrantenspezifische Einrichtungen und Migrantenverbände; Interessensvertretungen; Wissenschaft (Demographie; Migrationsforschung); Politik (auf kommunaler und nationaler Ebene).

Im Rahmen des Arbeitstreffens in Almelo wurden Gespräche mit VertreterInnen lokaler Organisationen aus Kommune (Gemeente Almelo), Verwaltung (Stichting Welzijn Ouderen Almelo - SWOA, Steunpunt Minderheden Overijssel) und Selbstorganisationen (Culturele Vereniging voor Turks Islamitische Jongeren) geführt, die über ihre Arbeit und über die Situation in Almelo hinsichtlich Remigration, Pendeln usw. berichteten. Anschließend wurde die Situation der MigrantInnen in den Niederlanden und in Almelo anhand von statistischem Material erörtert.

3) Das dritte Arbeitstreffen fand vom 31. Mai - 2. Juni in Athen, Griechenland statt.

Hauptziel des Treffens in Athen war die Ausarbeitung der Ergebnisse der ersten Interviews mit den ExpertInnen. Die Erfahrungen zeigten: Es wurde betont, dass der Begriff "Mobilität" als "schwierig" empfunden und unterschiedlich interpretiert wurde. Die ExpertInnen stellten zwar fest, dass Mobilität stattfindet, jedoch nicht statistisch nachvollziehbar ist. Fest steht, dass es keine Erhebungen darüber gibt. Der Leitfaden wurde von den Interviewern als Basis der Interviewführung benützt. Als Schwierigkeit wurde gesehen, dass manche Gespräche bisweilen sehr lange dauerten. Es wurde weiterhin festgestellt, dass das Pendeln die größte Form der Mobilität darstellt. Mobilität wird außerdem als Hindernis für Integration gesehen. Schwierigkeiten zeigten sich auch beim Auffinden von Gesprächspartnern in Griechenland.

Bezogen auf die spezifische Situation der Griechen wurde auf eine besondere Ausformung von Mobilität hingewiesen, auf die Transitmigration. Diese bezieht sich vor allem auf Flüchtlinge. Transitmigration findet auch aufgrund von Diskriminierung statt. Mobilität kann also eine Reaktion auf Diskriminierung sein. Als Beispiel für die strukturelle Diskriminierung wurde die Schule genannt. Die Frage, ob die positive Bewertung von Mobilität sich auf das Individuum oder die Aufnahme oder die Herkunftsländer bezieht und ob eventuelle Interessenskonflikte verbunden sind, wurde wieder aufgerollt. Je nach Bezug fällt die Bewertung unterschiedlich aus.

Darüber hinaus wurde das Programm für das Expertenforum in Berlin diskutiert.

Im Rahmen des Projekts wurde eine Migrantenselbstorganisaton ("Zentrum der Migranten") besucht. Als Gast bei diesem Arbeitstreffen nahm José Povedano von der Zentralen Koordinierungsstelle für Ausländerarbeit (ZKA) im Paritätischen Gesamtverband teil.

4) Das vierte Arbeitstreffen fand vom 9. - 11. Juli 2001 in Wien, Österreich statt.

Die Partnerorganisationen berichteten über Verlauf und Ergebnisse ihrer Expertengespräche. Als problematisch erwies sich bisweilen der Zugang zu ExpertInnen - räumlich, wenn die AnsprechpartnerInnen geographisch entlegen sind und inhaltlich, wenn es sich um die Interpretation von Mobilität im Zusammenhang mit Diskriminierung handelt. Mit dem im Projekttitel enthaltenen Wort "Diskriminierung" wird in den Niederlanden, in Deutschland und in Griechenland eher "Rassismus" als "Benachteiligung" assoziiert. In Deutschland wird derzeit in der Öffentlichkeit über Integration und Einwanderung breit diskutiert, doch bezüglich Remigration und Pendelwanderung fühlen sich manche ExpertInnen in Bundesbehörden offenbar weniger "zuständig".

In den Experteninterviews kristallisierten sich folgende gemeinsame Aspekte heraus:

  • § Mobilität wird als für das Individuum positiv erlebt, wenn es aktiv agieren kann und Mobilität als Potenzial betrachtet wird;
  • § nationalstaatliche Bestimmungen, aber auch nationalstaatliche Vorstellungen einer homogenen Gesellschaft blockieren Mobilität;
  • § vereinheitlichte Pensionssysteme und gegenseitige Anerkennung von Ausbildungsnachweisen würden der Mobilität von Menschen entgegenkommen;
  • § die Einwanderungsdebatte wird von bevölkerungspolitischen Aspekten (Finanzierbarkeit der Pensions- und Sozialsysteme) überlagert;
  • § eine Selbstdefinition als Einwanderungsland würde dazu führen, dass bei der Zuwanderung Selektionskriterien eingesetzt werden sollen, die problematisch für den Familiennachzug bereits ansässiger MigrantInnen sind;
  • § finanzielle Motive und die Aussicht auf einen besseren Lebensstandard werden als häufigstes Wanderungsmotiv genannt;
  • § berufliche und sprachliche Fähigkeiten werden als wichtigste Kompetenzen erachtet, die man braucht um mobil zu sein;
  • § ethnische Netzwerke bilden eine wichtige Voraussetzung, dass Menschen sich in Bewegung setzen und auch mobil bleiben;
  • § die soziale Mobilität der zweiten MigrantInnengeneration ist gering.

Weiterhin wurden die Ziele, Art der Tagungsunterlagen, Ablauf und Organisatorisches sowie die Workshopunterlagen für das Expertenforum in Berlin geplant. Jede Partnerorganisation sollte für ihren Workshop ein 2 Seiten langes Thesenpapier formulieren, das alle TeilnehmerInnen bei der Tagung erhalten. Dieses Handout beinhaltet in komprimierter Form die Thesen, die sich aus den Experteninterviews zu dem jeweiligen Thema des Workshops ableiten lassen. Der Einladungstext wurde gemeinsam formuliert, die Einladungsfolder von der BAGIV angefertigt. Die Titel der Arbeitsgruppen wurden möglichst offen gehalten, um die Richtung der Debatte in den Workshops nicht von vornherein zu determinieren:

Workshop 1 - Mobilität: Chance für die zweite Generation?
Workshop 2 - Mobilität im Alter: die erste Generation
Workshop 3 - Auswirkungen von Mobilität aus kommunalpolitischer Sicht
Workshop 4 - Mobilität versus nationalstaatliches Selbstverständnis

Im Rahmen des Arbeitstreffens wurden Gespräche mit MitarbeiterInnen von kommunalen Migranteneinrichtungen in Wien (Wiener Integrationsfonds, Back on Stage 16/17) geführt.

5) Expertenforum in Berlin vom 6. - 8. Oktober 2001 in Berlin, Deutschland.

Im Rahmen einer internationalen Expertentagung, die vom 6. bis 8. Oktober 2001 in Berlin stattfand, wurden die im Rahmen des Projektes erarbeiteten Thesen und die Ergebnisse der Experteninterviews zur Diskussion gestellt. Es ging darum, die gewonnenen Hypothesen mit Hilfe der eingeladenen Fachleute zu validieren, zu erweitern und Empfehlungen für die Wahrnehmung und Gestaltung von Mobilitätsprozessen von MigrantInnen zu formulieren.Im besonderen wurde darüber beraten, welche Voraussetzungen es zu schaffen und welche Barrieren es zu überwinden gilt, um das Prinzip der Mobilität im Sinne einer Erweiterung von Handlungsspielräumen weiterzuentwickeln.

Eingeladen wurden von jedem Partnerland je 6 ExpertInnen aus den Bereichen Migrationsforschung, Migrationsarbeit, Politik und Verwaltung.

Der Einladungsfolder beinhaltete folgenden Text:

"Einwanderung wird häufig mit einer endgültigen Niederlassung im Aufnahmeland verbunden. Entgegen dieser weit verbreiteten öffentlichen Meinung prägen Remigration, Mehrfach- und Pendelwanderungen zwischen Aufnahme- und Herkunftsland, aber auch Weiterwandern in Drittländer die biographische Realität vieler MigrantInnen. In dieser Bereitschaft zur Mobilität spiegeln sich die unterschiedlich gestalteten Lebensentwürfe von MigrantInnen, insbesondere auch das Bedürfnis, den Herkunfts- mit dem neuen Lebenskontext zu verbinden.
Aus der individuellen Perspektive von MigrantInnen stellt Mobilität eine potentielle Ressource zur Erweiterung der Handlungsfähigkeit dar. Sie erlaubt dem einzelnen nicht nur, aktiv und flexibel die Chancen auf dem Arbeitsmarkt des Herkunfts- und Aufnahmelandes zu nutzen, sondern eröffnet auch Möglichkeiten, Benachteiligungen im Aufnahmeland entgegenzutreten. Die auf Mobilität basierenden Lebensentwürfe vieler MigrantInnen korrespondieren mit der von der EU angestrebten Freizügigkeit, sie kollidieren jedoch mit den Integrationskonzepten vieler Aufnahmeländer, die in hohem Maße auf Sesshaftigkeit und kulturelle Anpassung Wert legen. In den meisten EU-Ländern erschweren die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen die Möglichkeit, eigene Identitätskonzepte, Lebensentwürfe und kulturelle Besonderheiten zu verwirklichen, die für eine Verbesserung der Chancengleichheit in der Aufnahme- oder Herkunftsgesellschaft von entscheidender Bedeutung für die MigrantInnen sind."

Die Arbeit erfolgte in vier Arbeitskreisen:

Der Arbeitskreis "Mobilität - Chancen für die 2. MigrantInnengeneration?" behandelte die Situation der "zweiten Generation", deren interkulturelle Kompetenzen von Seiten des Bildungssystems selten Anerkennung und Unterstützung erfahren, obwohl gerade diese Fähigkeiten eine Möglichkeit zur Kompensation der schlechteren Ausgangsbedingungen bieten könnten.

Der Arbeitskreis "Mobilität im Alter: die erste MigrantInnengeneration" bezog sich auf die Einwanderer der ersten Generation der ArbeitsMigrantInnen, die nun häufig ein Alter erreicht haben, welches im ursprünglichen Migrationskonzept nicht vorgesehen war, und für die Rückkehr oder Pendeln wichtige Strategien zur Bewältigung der nachberuflichen Lebensphase darstellen.

Der Arbeitskreis "Auswirkungen von Mobilität aus kommunalpolitischer Sicht" befasste sich mit der Perspektive der kommunalen Ausländerarbeit. Der kommunalen Ebene kommt aus diesem Grund besondere Bedeutung zu, da sie für die Umsetzung der Integrationsmaßnahmen verantwortlich und daher auch mit den Auswirkungen der Integrationspolitik konfrontiert ist. Die Kommunen verfügen über zahlreiche Möglichkeiten, den unmittelbaren Lebensbereich der Migranten zu gestalten und somit auch deren Ressourcen und Potenziale zu stärken.

Der Arbeitskreis "Mobilität versus nationalstaatliches Selbstverständnis" ging auf die Perspektive der nationalen politischen Entscheidungsträger ein. Von nationalstaatlicher Seite wird Mobilität nicht unterstützt oder sogar behindert, da sie als dem vorherrschenden Integrationsparadigma entgegengesetzt wahrgenommen wird.

Aufgrund der politischen Situation (Beginn der Militäraktionen in Afghanistan) fand die geplante Pressekonferenz, bei der im Anschluss an die Tagung die Ergebnisse den Medien vorgestellt werden sollten, nicht statt.

Als Ergebnis der Expertentagung liegt eine Liste an Maßnahmen mit Empfehlungscharakter vor. Diese Empfehlungen knüpfen an die, bereits in den Experteninterviews gewonnenen an wie z.B. Harmonisierung der Sozialversicherungssysteme, Wohnbürgerschaft, Grundlagenforschung, Verstärkung der Informationsangebote für mobile MigrantInnen, Anerkennung von Bildungsnachweisen etc.:

E. Empfehlungen

Empfehlungen der Arbeitsgruppe 1: " Mobilität: Chancen für die 2. MigrantInnengeneration?"

  • Institutionelle Verankerung und Einführung von Mobilitätsberatern in allen EU-Staaten
  • Grundlegende, europaweite Harmonisierung und Durchlässigkeit im Bildungssystem
  • Harmonisierung nationaler Gesetzgebungen, die den Zugang zum Arbeitsmarkt und die Sicherung des Aufenthaltsstatus regeln
  • EU-weite Anerkennung von (in einem anderen EU-Staat erworbenen) Bildungsabschlüssen und Anerkennung von Bildungsabschlüssen aus Drittländern unter Zuhilfenahme von EU-weit einheitlichen Anerkennungskriterien
  • Einheitliche Regelungen für die Anerkennung und Realisierung von erworbenen Ansprüchen auf soziale Leistungen in verschiedenen Ländern

Empfehlungen der Arbeitsgruppe 2. "Mobilität im Alter: Die 1. MigrantInnengeneration"

1. Überwindung des nationalstaatlichen Paradigmas

  • gleiche Rechte für Drittstaatangehörige mit langer Aufenthaltsdauer (Kommissions-Vorschlag 127 Final)
  • Möglichkeit zur Transferierbarkeit sozialrechtlicher Ansprüche (Versicherungen)
  • Versicherungen müssen die eigenen Verpflichtungen gegenüber im Ausland lebenden Personen anerkennen und ihrer allgemeinen Informationspflicht über Rechte und Leistungen den Versicherten gegenüber entsprechen.
  • Harmonisierung der Sozialgesetzgebung
  • EU-Beobachtungsstelle zur Sicherung von Freizügigkeit
  • transnationale Kooperationen zwischen Städten, Regionen und Organisationen (NGOs, Gewerkschaften...)
  • Schulung und Information der öffentlichen Verwaltung

2. Erstellung von Entscheidungsgrundlagen

  • Wissenschaftliche Forschung, die auch die Sicht der betroffenen MigrantInnen einbezieht
  • Kontinuierliche Sozialberichterstattung über die Migrantenpopulation
  • Dokumentation von "Best Practices" auf kommunaler Ebene bezogen auf Mobilität

3. Personenbezogene Rahmenbedingungen

  • zielgruppenadäquate Informationsarbeit: Befähigung, sich Wissen und Information über Mobilität anzueignen.
  • Empowerment: ältere MigrantInnen dazu befähigen, ihr spezifisches Wissen/Migrationserfahrungen einzusetzen.
  • Förderung von Selbstinitiativen und Stärkung der Civil Society "Sichtbarmachen": Öffentlichkeitsarbeit, Medienarbeit, Beschickung von Beiräten (konsultative Fachbeiräte), qualifiziertes Personal in der Altenarbeit

Empfehlungen der Arbeitsgruppe 3: "Auswirkungen von Mobilität aus kommunalpolitischer Sicht"

1. Allgemeine Empfehlungen

  • EU-Staaten müssen erkennen lernen, dass sich Mobilität nicht völlig durch Gesetze und Prozeduren steuern lässt
  • Notwendig ist eine EU-Publikation, die den Kommunen Verhaltensrichtlinien in die Hand gibt, um mit dem Mobilitätsbedürfnis der MigrantInnen umzugehen lernen
  • Integrationsförderung muß nicht als Gegensatz zur Mobilität verstanden werden
  • Förderung von Städtepartnerschaften im Hinblick auf die Begleitung von Migration und Remigration
  • Kommunen entwickeln Mechanismen, um restriktive nationale Regelungen zu ergänzen bzw. zu umgehen
  • Einrichtung einer Internet-Datenbank europäischer Städte zur Information mobilitätswilliger MigrantInnen

2. Bildung - Qualifikation

  • Einwanderer, Flüchtlinge mit individuellen Fähigkeiten (assessment) einschätzen - Stärken erkennen, Defizite aufheben.
  • Mehrsprachige Schulmodelle: "Europa-Schule", Community-Schulen
  • Multikulturelle Bildungsmaßnahmen für Erwachsene

3. Arbeit

  • Aufnahme von MigrantInnen in die öffentliche Verwaltung (Förderungspläne)
  • Unternehmens- Betriebsgründungsberatung
  • Spezifische Ressourcen von MigrantInnen nutzen

4. Soziale Netzwerke stärken

  • Partnerschaften zwischen formellen Bereich der Kommune und dem informellen Bereich der "Communities" fördern
  • Die Netzwerke der Selbstorganisationen sollen als Anbieter von sozialen Dienstleistungen eingebunden werden
  • Unterstützung von Organisationen, die im Bereich von Antidiskriminierung tätig sind

5. Soziale Rechte

  • Keine Anbindung von Bezug sozialer Leistungen an Aufenthaltsdauer
  • Mitnahme von erworbenen Rechten auf soziale Leistungen für Pendler und RemigrantInnen in andere Länder

6. Wahlrecht und Mitbestimmungsverfahren

  • Politische Partizipation stärken, indem die Gesetzgebung über Wahlrecht und Mitbestimmung für MigrantInnen weiterentwickelt wird

7. Wohnen

  • Zugang zu kommunalem Wohnbau ( ohne Aufenthaltsdauer vorzuschreiben)
  • multikulturelle Pensionistenwohnheime
  • Verträge mit Pensionistenwohnheimen im Ausland
  • Pendler-Wohnungen (Rotterdam - Anatolien)

Empfehlungen der Arbeitsgruppe 4: "Mobilität versus nationalstaatliches Selbstverständnis"

  • Freizügigkeit der MigrantInnen aus Drittländern mit langer Aufenthaltsdauer ist gleichzustellen mit der Freizügigkeit von EU-BürgerInnen

Der somit entstandene Empfehlungskatalog ist als "Denkanstoß" gedacht und könnte wichtige Impulse für die politische Arbeit bieten.

6) Das abschließende, evaluative Treffen fand vom 29. November - 1. Dezember 2001 in Bonn, Deutschland statt.

Hier erfolgte eine Bewertung und Würdigung des Projektes sowie eine Diskussion und Übereinkunft der Abschlussdokumente.

Die Partner waren sich einig, dass das Projekt dazu beigetragen hat, das Thema Mobilität stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dies wurde über Multiplikatoren, wie ExpertInnen und Selbstorganisationen in allen vier Partnerländern erreicht. Die im anschließenden international besetzten Expertenforum von Berlin erstellten Empfehlungen unterstützen die Bestrebungen auf europäischer Ebene, die Mobilität der MigrantInnen zu fördern. Die transnationale Kooperation bestätigt die Adäquanz des horizontalen Ansatzes in der Diskriminierungsbekämpfung. Die entstandenen Netzwerke, die auch weiter Bestand haben, werden zur Verbreitung der Publikation und der Empfehlungen beitragen.

  • Freizügigkeit der MigrantInnen aus Drittländern mit langer Aufenthaltsdauer ist gleichzustellen mit der Freizügigkeit von EU-BürgerInnen
  • Sicherung des Transfers aller erworbenen Ansprüche auf soziale Leistungen ohne Verluste
  • Kooperationsprojekte der EU-Staaten, um Mobilität gezielt zu fördern und zu gestalten, um Entwicklungsdisparitäten zwischen Ländern und Regionen entgegenzuwirken
  • Regelmäßige Konsultationen zwischen Aufnahme- und Herkunftsländern, um Mobilitätshindernisse zu identifizieren und abzubauen;
  • Beratungs- und Informationspflicht der EU-Länder für potentielle MigrantInnen und RemigrantInnen sowohl im Abreisegebiet als auch im Ankunftsgebiet Einrichtung einer Internet-Datenbank europäischer Städte zur Information mobilitätswilliger MigrantInnen
  • Förderung von Städtepartnerschaften im Hinblick auf die Begleitung von Migration und Remigration
  • Dokumentation von "Best Practices" auf kommunaler Ebene bezogen auf Mobilität
  • Mehrsprachige Schulmodelle fördern und etablieren
  • Notwendig ist eine EU-Publikation, die den Kommunen Verhaltensrichtlinien in die Hand gibt, um mit dem Mobilitätsbedürfnis der MigrantInnen umzugehen lernen
  • EU-Beobachtungsstelle zur Sicherung von Freizügigkeit
  • EU-weite Anerkennung von (in einem anderen EU-Staat erworbenen)

Bildungsabschlüssen und Anerkennung von Bildungsabschlüssen aus Drittländern unter Zuhilfenahme von EU-weit einheitlichen Anerkennungskriterien

Es liegt im kulturellen, sozialen und ökonomischen Interesse der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsländer, die Mobilität der MigrantInnen zu sichern. Es sind alle hierfür notwendigen Voraussetzungen z.B. Erhalt von Mehrsprachigkeit, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. In dieser Hinsicht wird die Kommission aufgerufen, alle Mobilitätshindernisse abzubauen, einerseits durch die konsequente Umsetzung bereits beschlossener Maßnahmen in den Mitgliedsländern und andererseits durch die Erweiterung des bisherigen Instrumentariums zur Realisierung der Freizügigkeit.

Hervorzuheben ist, dass die bestehenden gesetzlichen Regelungen auf nationalstaatlicher Ebene den globalen gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich auch in den Mobilitätsbedürfnissen von MigrantInnen äußern, nicht gerecht werden.

Wie sich aus unserer Untersuchung zeigt, wird die Migrationspolitik sich zukünftig mit dem vermeintlichen Paradoxon konfrontiert sehen, Integration und Mobilität nicht als Gegensatz zu behandeln. Denn die Förderung der Integration, das heißt insbesondere die Ermöglichung der Teilhabe am Arbeitsmarkt und Bildungswesen, ist eine Voraussetzung dafür, dass Mobilitätsbedürfnissen entsprochen werden kann.

Unter diesen Bedingungen, die es herzustellen und zu fördern gilt, kann Mobilität auch als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung wirken.

F. Externe Evaluation

Prof. Dr. Maria Dietzel-Papakyriakou
Universität Essen

Methodisches Vorgehen der Evaluation

Die Evaluation stützt sich auf teilnehmende Beobachtung an allen Sitzungen und während der gesamten Projektdauer. Sämtliche Materialien des Projektes, Protokolle und transkribierte Tonbandaufnahmen der Sitzungen wurden ausgewertet.

Grundlage für die Evaluation waren die gemeinsamen Projektziele, so wie sie im beantragten Konzept formuliert wurden und durch den Projektverlauf, die gemeinsamen Diskussionen, die Expertenbefragung und Forum modifiziert und ergänzt wurden. Aufgrund der kurzen Laufzeit des Projektes waren keine Vorlaufs-, Erprobungs-, Pretest- bzw. Implementationsphasen vorgesehen. Alle prozessualen und konzeptionellen Entwicklungen, die sich bei einem solchen explorativen Projekt, zwangsläufig ergeben, mussten zeitgleich geleistet, beobachtet und reflektiert werden. In der Evaluation ging es nicht um Kontrolle, sondern es galt eine Position zwischen Engagement und Distanz zu finden.

Angesichts der Fragestellung und ihres experimentell-innovativen Charakters war die Evaluation prozessbegleitend angelegt. Vor dem Hintergrund der Projektbedingungen wurde der methodische Ansatz der Handlungsforschung gewählt. Dabei versteht sich die Evaluation nicht als eine messende und prüfende Außeninstanz, sondern als Teil eines Entwicklungsprozesses. Das Projekt ex post aus einer distanzierten Perspektive zu kommentieren und zu bewerten wäre auch ein möglicher Ansatz gewesen. Er hätte aber bedeutet, die Chance zu vergeben, noch während des Projektverlaufes Konsequenzen zu ziehen und Ergebnisse an die Projektpartner zurückzukoppeln. Vor allem das Desideratum, Fragestellungen und Untersuchungsaspekte praxisnah zu definieren, wäre nicht fortlaufend geprüft worden. Die Evaluation verstand sich in der Verlaufsphase eher als eine Moderation der Selbstevaluation der Kooperationspartner. Die Selbstevaluation führte zu verbesserter Kommunikation sowie Kooperation und wirkte motivierend und aktivierend. Handlungsforschung betrachtet Kommunikationsprozesse als Lernprozesse, in denen alle Beteiligten sich selbst verändern. Ergebnisse aus Evaluationen, die mit dem Ansatz der Handlungsforschung vorgehen, sind gerade wegen ihres qualitativen Ansatzes in der Lage, auf die Vielfalt der Faktoren und ihre Verschränkungen hinzuweisen. Sie haben exemplarische Bedeutung und lassen Typologienbildung zu. Qualitative Verfahren betrachten den Forschungsverlauf prozessual und nehmen daher Veränderungsprozesse des Untersuchungsfeldes, der Forschungsverfahren, der beteiligten Personen, aber auch der Fragestellung wahr.

Projektziele

Als Untersuchungsziel war das Phänomen der Mobilität von Migranten formuliert. Es wurde postuliert, dass es sich bei der Mobilität um Strategien handelt, die Migranten anwenden, um diskriminierenden Situationen zu entgehen bzw., Optionen wahrzunehmen. Diese Hypothese sollte durch das Projekt geprüft werden. Darüber hinaus sollte geklärt werden, welche Hindernisse der Mobilität entgegenstehen und wie diese abgebaut werden könnten. Als Zielgruppe waren in einer ersten Phase die Migranten mit einer EU-Angehörigkeit in den Ländern der EU definiert.

Das Thema "Mobilität als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung" war für alle Beteiligten eine Herausforderung und für einige Kooperationspartner Pionierarbeit. "Mobilität" als Zielsetzung von Migrationsarbeit bzw. der Abbau von Mobilitätshindernissen, steht zu den etablierten Ansätzen quer. Wird die Mobilität als positives und förderungswürdiges Ziel definiert, bedeutet dies die Infragestellung der bisherigen Handlungskonzepte zur Integration der Migranten. Die prononcierte und provozierende These; Mobilität sei als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung zu verstehen, war eine Herausforderung auch innerhalb des Teams. Die Skepsis über die Relevanz des Themas kam sogar in der ersten Phase des Projektes immer wieder durch. Hier waren die meisten Einwände über die Stimmigkeit der These "Mobilität als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung" von der Stichting NetWerk vorgebracht worden. Die Organisation untersuchte auch anhand statistischer Daten die Situation vor Ort, um die Frage lokal zu prüfen. Stellvertretend für viele in der Befragung später geäußerten Gegenargumente formulierte vor allem Stichting NetWerk immer wieder prüfende kritische Fragen. Bereits innerhalb des Teams wurde also deutlich, dass es notwendig war die Forschungsfrage des Projektes nicht nur zu untersuchen, sondern stetig grundsätzlich ihre Legitimation zu begründen. Als in der zweiten Hälfte der Laufzeit die Expertenbefragung durchgeführt wurde, verlagerte sich der Begründungszwang nach außen. Ab dann entwickelte sich innerhalb des Projektteams so etwas wie ein "Esprit de corps". Denn es ging nun darum, die Thematik nach außen zu vertreten und offensiv gegenüber anderen zu verteidigen.

Basisannahme des Projektes und begriffliche Abstimmung

Im ersten Teil der Arbeit und während der ersten Sitzung nahmen Begriffbestimmungen einen breiten Raum ein. Die zwei Hauptbegriffe "Mobilität" und "Diskriminierung" wurden in einem ersten Schritt vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Erfahrungen in den Partnerländern definiert. Es wurden die vier Länder: Deutschland, Griechenland, Niederlande und Österreich, und die Ebenen Selbstorganisation, Kommunale Integrationsarbeit, wie auch wissenschaftliche Forschung miteinbezogen. Es zeigte sich, dass es äußerst schwierig war, zu einem von allen Partnern gleichermaßen getragenem Konsens zu kommen. Das Erkenntnisinteresse der Kooperationspartner wich erheblich voneinander ab. Z.B. für die kommunale Ebene, (Stichting NetWerk) hatte die Frage nach der Praxisrelevanz, insbesondere die Frage nach den Möglichkeiten der Übersetzbarkeit und praktischen Umsetzung der Ergebnisse des Projektes, absoluten Vorhang während für die griechischen Partner viele Aspekte irrelevant waren, da sich das Land erst allmählich mit dem Migrationsphänomen auseinandersetzt.

Um so konkreter die Diskussion und die Anknüpfung an die unterschiedlichen Bedingungen der Kooperationspartner wurde, desto schwieriger gestaltete sich eine Verständigung. Das erste Treffen brachte die vorgesehene Abstimmung nicht zustande. Das zweite Treffen stand unter der Belastung eine konzeptionelle und begriffliche Abstimmung herbeiführen zu müssen. Ein Viertel der Laufzeit des Projektes war somit bereits investiert worden. Das zweite Treffen in Almelo war in diesem Sinne kritisch. Eine dringliche Projektaufgabe, die Operationalisierung der These über die Entwicklung des Leitfadens für die Expertengespräche, stand bei diesem Treffen auf der Tagesordnung. Der Leitfaden und der Verlaufsplan der Expertenbefragung mussten bei diesem Treffen verabschiedet werden, sonst wäre der gesamte Zeitplan hinfällig geworden. Die Diskussion setzte erneut an der konzeptionellen Klärung des Projektes an und geriet alsbald ins Stocken. Das Zeitbudget reichte nicht aus um die Begriffsbestimmung kleinschrittig fortzuführen. Daher wurde der Leitfaden vorgezogen. Dieser Griff auf eine konkrete Fragestellung wirkte wie ein Katalysator. Entlang des Leitfadens wurde dann eine konzeptionelle Übereinstimmung für die Hauptbegriffe gefunden. Das so durch den engen Zeitraum aufgedrängte Verfahren war zwar sehr arbeitsintensiv, erlaubte aber, durch die Rückkoppelung ein erstes Einvernehmen zu erzielen. So wurde als gemeinsame Basis vor allem die Relevanz der Mobilität festgehalten, obwohl statistisches Material nicht aus allen Ländern vorhanden war um diese zentrale Annahme abzusichern. Zu diesem Zeitpunkt galt auch als geklärt, dass Mobilität als eine positive Strategie aus der Sicht der Migranten zu bewerten ist. Man einigte sich auf diesen gemeinsamen Nenner, da mehr Übereinstimmung zu diesem Zeitpunkt nicht zu erzielen war. Denn welche Auswirkungen die individuellen Mobilitätsstrategien der Migranten für Integrationsprozesse und welche Auswirkungen sie für das Gemeinwesen auf kommunaler oder nationalstaatlicher Ebene haben, darüber gab es bei den Kooperationspartnern unterschiedliche Hypothesen und länderbezogene Rahmenbedingungen.

Schließlich wurde das gesamte Untersuchungsdesign, mit Leitfaden, Stichprobe und Verfahrensmodus beschlossen. Dies wurde möglich, weil die Beantwortung von bestimmten Fragen:

1. zum einen ausgeklammert und für die weiteren Sitzungen aufgehoben wurden.

2. zum anderen an die Expertenbefragung delegiert wurden.

Damit wurde ein Teil der aufgestauten Spannung vom Projektteam abgebaut. Die Expertenbefragung diente dann als ein Art Moratorium. Während dessen die Kooperationspartner mit Hilfe der Experten weitere Klärungen vornehmen konnten. Hierbei müssen zwei wichtige Aspekte hervorgehoben werden:

a. Die Kooperationspartner.

Die Zusammensetzung des Projektteams geht auf die Initiative der BAGIV zurück. Die Projektpartner vertreten zum Teil unterschiedliche Auffassungen über das Anliegen des Projektes und sind auf unterschiedlichen Arbeitsfeldern engagiert, (Wissenschaft, Kommunale Arbeit, Selbstorganisation, politische Vertretung). Die Ausgangsbedingungen und Implikationen waren völlig divergent. Daraus ergab sich ein komplexes Spannungsfeld unterschiedlicher, teilweise gegensätzlicher Aufgaben und Erwartungen. Die große Heterogenität der Perspektiven hätte unter den gegebenen Arbeitsbedingungen und den engen Zeitrahmen des Projektes große Schwierigkeiten in der Abstimmung erwarten lassen. Das Projektteam war sich aber von Anfang an dieser Komplexität bewusst. Das Aufgabenbündel führte immer wieder zu unterschiedlichen Akzentuierungen zwischen den Bereichen, und es gab auch Phasen, in denen ein bestimmter Bereich größeres Gewicht erhielt, zu Lasten eines anderen und umgekehrt. Aspekte, die man a priori nicht einbezogen hatte, bekamen plötzlich große Bedeutung. Dies ist an sich nicht verwunderlich, lässt sich das benötigte Wissen gerade bei solchen explorativen Forschungsvorhaben erst im Verlaufe der Projektdurchführung gewinnen. So hatte das Team das Forschungsdesign zu konkretisieren, zu prüfen und umzusetzen und während der Verlaufsphase auch immer wieder zu modifizieren.

Die Notwendigkeit nach stetiger Suche und Modifikationen ergab sich auch aus dem Umstand, dass beim Projektstart im Projektteam einerseits die Praktiker und andererseits die Wissenschaftler sich mit unterschiedlichen Erwartungen gegenüber standen. Die Projektstrategie bestand darin, die beiden Perspektiven nicht gegeneinander auszuspielen, sondern die eine der anderen komplementär und als Korrektiv zur Seite zu stellen. Die Arbeitsteilung wurde nicht als Funktionstrennung (der eine für Praxis, der andere für Forschung usw.), sondern als inhaltlich unterschiedlicher Zugang angesehen, in dem das wissenschaftliche Forschungsanliegen, der Praxisbezug und die sozialpolitische Relevanz in einer Wechselbeziehung zueinander stehen. Der Projektverlauf war so angelegt, dass es nicht vorgesehen war konsekutiv von der Forschung in die Praxis zu schreiten. Von Anfang an, sollte die Forschungsfrage unter Beteiligung der Praktiker in der Weise formuliert und die Auswahl des Untersuchungs- und Auswertungsverfahrens so gestaltet werden, dass die Praktiker ihre Anliegen vertreten sahen und sich mit dem Verfahren identifizieren konnten. Dass dies nicht selbstverständlich geschah, zeigt sich daran, dass die Praktiker dies bei jeder Sitzung einforderten.

Es war notwendig Klarheit über den Forschungsgegenstand zu erzielen. Es gibt zwar eine theoretische Diskussion über Mobilität, die allerdings in keinem Verhältnis zu anderen Themen, wie etwa Integrationsfragen steht. Praxiswissen über diese Frage ist kaum vorhanden. Da bei dem bisher vernachlässigten Thema Mobilität von Migranten also wenig Wissens- und Erfahrungsbestände vorlagen, ging es darum, innovativ im Austausch mit den Kooperationspartnern, während des Projektes die Projektidee zu präzisieren, das Forschungsdesign zu konkretisieren, zu validieren und umzusetzen. Dabei sollte nicht die Mehrdimensionalität und Komplexität der Forschungsfrage reduziert, sondern soweit wie möglich viele Facetten erfasst werden.

b. Die Heterogenität der Perspektiven und der Ausgangsbedingungen der Projektpartner

Gerade die große Heterogenität der Perspektiven, die von Anfang an deutlich wurde, führte dazu, dass nur über den Weg der Selbstbeschränkung auf einige wenige zentrale Begriffe eine konzeptionelle Verständigung möglich wurde. Diese besondere Arbeitsökonomie wurde durch den interprofessionellen Ansatz und den auf unmittelbare Resultate beharrenden Habitus der Praktiker gestützt. Während die Heterogenität der Kooperationspartner für Vielfalt und Innovation sorgt, und weiterhin als anzustrebendes Ziel gelten soll, ist der enge Zeitrahmen kontraproduktiv. In diesem Projekt ist der Arbeitserfolg eher darauf zurückzuführen, dass die involvierten Personen, sehr schnell einen kooperativen Arbeitstil gefunden haben. Sie fürchteten nicht mit dem Aufzeigen von Schwierigkeiten und dem Benennen von Problemen das Projekt zu gefährden. Dass das interpersonale Verhältnis gut war, und die Auseinandersetzung um Inhalte nicht wegen falscher Rücksichten zurückgestellt werden musste, geht einerseits auf die hohe Professionalität und andererseits auf eine zufällige Übereinstimmung der Idiosynkrasien der Kooperationspartner zurück. Auf diesen letzten nicht planbaren Faktor kann aber nicht immer gerechnet werden. Da es sich bei allen Beteiligten um Professionelle aus der interkulturellen Arbeit handelte, waren die Kompetenzen in der transkulturellen Kommunikation vorhanden. Auf jeden Fall waren allen Beteiligten die Schwierigkeiten und möglichen semantischen Verschiebungen in der Kommunikation bekannt und bewusst, so dass sie sich nicht nur auf unterschiedliche Realitäten des Migrationsgeschehens bezogen, sondern auch nur selektiv die Information für die anderen Projektpartner aufbereiten konnten. Hier, wie in jeder Kommunikation, wurde ein gemeinsamer Wissensbestand angelegt, der im Verlauf des Projektes und bis zum Abschluss ergänzt und differenziert wurde.

Die Arbeitsprache des Projektes war Deutsch. Die Kooperationspartner verfügten über eine unterschiedliche Nähe bzw. Distanz hierzu. Für die Partner aus Österreich lagen die Vorteile, in der eigenen Muttersprache zu agieren auf der Hand, den Partnern aus Deutschland war sie nahe als ihre alltägliche Kontextsprache. Eine größere Distanz bestand für die Kooperationspartner aus den Niederlanden und Griechenland. Bei allen Beteiligten war die Problematik des kulturellen Bezugs der sprachlichen Äußerung und der sprachlichen Asymmetrie bewusst. Gerade daraus erwuchsen ein hoher Anspruch und das intensive Bedürfnis nach Begriffsklärung. Die Bedeutungsdifferenzen, die sich aus den verschiedenen Sichtweisen und vor allem aus den unterschiedlichen Kontextbezügen der Partner ergaben, sollten soweit wie möglich vermindert werden.

Die Nicos Poulantzas Society, der Kooperationspartner aus Griechenland hatte die schwierigsten Projektbedingungen. Es sind im Land noch kaum Institutionen vorhanden, die sich explizit mit Migrationsfragen befassen, bzw. es gibt kaum eine äquivalente Infrastruktur. Gerade wegen der Begrenztheit der vorhandenen Ressourcen und der Handlungsspielräume schien Griechenland das geeignete Land, um die Frage der nationalstaatlichen Perspektive zu ventilieren. Diese Frage war eine der schwierigsten des Projektes, ging es doch hierbei um die Anbindung einer bis dahin individuumsbezogenen Betrachtung (Mobilität als individuelle Strategie der Migranten) zu einem übergreifenden sozialpolitischen Diskurs. Wegen der Verortung der Poulantzas Stiftung als Träger und Initiator eines solchen Diskurses wurde ihr diese Aufgabe der Verschränkung von Mikro- und Makroperspektive übertragen. Allerdings ergaben sich für den Kooperationspartner, was die Expertenbefragung betrifft, große logistische Probleme. Die örtliche Situation war völlig verschieden von den Ausgangsbedingungen der anderen Projektpartner. Die Integration in das Projekt war schwierig. Die Migrationsprozesse waren von einer anderen Qualität, da hier eher Probleme der illegalen Migration und der Transitmigration im Vordergrund standen. Entsprechend fokussiert war die Perzeption der befragten Experten. Die kommunale Ebene wurde von Stichting NetWerk vertreten. Der Kooperationspartner aus den Niederlanden war der Praxis-Seismograph des Projektes. Der Partner ist in die lokale Arbeit eingebunden und muss die herkömmliche Integrationspraxis bedienen. Einen Paradigmenwechsel in den bestehenden Integrationskonzepten herbeizuführen wäre unrealistisch. Das Ziel bestand eher daran deutlich zu machen, dass Integrationsarbeit und Mobilität nicht in einem Zielkonflikt stehen. Als Zwischenschritt ist es gelungen auf die Mobilität und ihre Faktizität hinzuweisen, und signifikante, überregional tätige Akteure für die Expertenbefragung und das Forum zu gewinnen. Die Kooperationspartner Universität Essen und Institut für Soziologie der Universität Wien: Hier lagen Vorwissen und Forschungserfahrung in der Thematik vor. Experten zu kontaktieren wurde durch die Rituale des universitären Milieus erleichtert. Aufgrund bestehender Kontakte aus vorherigen Projekten konnte auf Habitualisierungen in der Kommunikation zurückgegriffen werden. In Wien waren die Experten kleinräumlich erreichbar, für die Kooperationspartner aus der Universität Essen konnte der Zeitplan der Befragung nicht eingehalten werden, wegen der großen räumlichen Entfernungen zu den Experten. Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in der Bundesrepublik Deutschland (BAGIV): Dieser Kooperationspartner sieht sich als Dachverband von Migrantenselbstorganisationen einer offensiven Vertretung von Migranteninteressen verpflichtet. Er initiierte das Projekt aus Binnenperspektive und Insiderwissen über die Vorteile der Mobilität für Migranten. Sein Hauptaugenmerk lag vielmehr in der Identifizierung von Mobilitätshemmnissen und der Instrumentarien zu ihrer Überwindung, wie auch in der Argumentationsstrategie im Migrationspolitischen Diskurs. BAGIV hatte die Koordination des Projektes inne. Hier kamen die Kommunikations- und Moderationskompetenzen dieses Partners, gewonnen aus seiner langjährigen Beteiligung an der öffentlichen migrationsbezogenen Debatte, dem Projekt zu Gute.

Projektumwelt: Sozialpolitische Kontextbedingungen

Jeder Projektverlauf unterliegt externen kontextuellen Bedingungen. Die Migration ist ein sozialpolitisch hart umkämpftes Thema und daher unmöglich von den öffentlichen Auseinandersetzungen abzukoppeln. Die Projektarbeit stand unter dem Einfluss zweier signifikanter Ereignisse. Zum einen durchlief in Deutschland die öffentliche Migrationsdiskussion eine Zuspitzung: Sie wurde angeregt durch den Zuwanderungsbericht der Süssmuthkommission und den Entwurf des Innenministers zum Zuwanderungsgesetz. Eine kontroverse Diskussion über Migrationsfragen dominierte auch zur gleichen Zeit die Öffentlichkeit in Österreich. Zum anderen setzte mit dem 11. September eine stark auf sicherheitspolitische Erwägungen konzentrierte und aufgeregte Auseinandersetzung mit Migrationsfragen ein. Die Mobilität der Migranten erschien in diesem Rahmen als Sicherheitsrisiko. Zwar wurde innerhalb des Projektteams versucht, das Grundsätzliche vom Tagespolitischen zu trennen, es ist aber anzunehmen, dass die befragten Experten in ihrem Antwortverhalten implizit auch die laufenden öffentlichen Debatten mitreflektierten. Als Erfolg des Projektes ist zu werten, dass es trotz der Krisenstimmung kaum Absagen von ForumsteilnehmerInnen in Berlin gegeben hat. Die weiteren Ereignisse führten aber dazu, dass das Thema im Vorfeld des Forums in der Presse wenig Resonanz fand und anschließend auf das Forum nur ein minimales Presseecho gegeben wurde.

Vorgehensweise: Die Expertenbefragung

Bezüglich der Stichprobe, also des Kreises der zu befragenden Experten, wurde ein Katalog von Funktionsbereichen, aus denen diese Experten stammen sollten, verbindlich für alle Kooperationspartner festgelegt. Deren konkrete Auswahl war den örtlichen Gegebenheiten angepasst und daher den Kooperationspartnern überlassen. Daher ergaben sich verschiedene Erhebungsorte, und -zeitpunkte, wie auch Gewichtungen der Fragestellung, also unterschiedliche Personengruppen und Situationstypen. Es geht bei solchen Anliegen nicht darum eine nach üblichen methodischen Vorgehen, gezogene Stichprobe zusammenzustellen, da Repräsentativität in Bezug einer Grundgesamtheit und Vergleichbarkeit, im Sinne von Kontrollgruppen weder angestrebt noch erreichbar ist. Die Stichprobe konstituiert sich, nach Initiierung der Kooperationspartner, eher selbst, und zwar durch die Selbstselektion derjenigen, die bereit sind sich an der Studie zu beteiligen. Da sie als Experten angesprochen wurden, wurde der Leitfaden so konzipiert, dass sie soweit wie möglich gleichberechtigt und umfangreich Stellung beziehen konnten. Die Befragung der Experten, (alle ausgewiesene Professionelle aus verschiedenen Aufgabenbereichen der Migrationsarbeit), war sowohl validierend und partizipativ in bezug auf die These, als auch sensibilisierend in bezug auf die Thematik der Mobilität angelegt.
Der Leitfaden wurde von der im Antrag formulierten Forschungsfrage her begründet. Er musste die verschiedenen Dimensionen, Alte und junge Migranten, die Gender-, die kommunale und die nationalstaatliche Perspektive berücksichtigen. Es war ein umfangreiches und komplexes Programm, das zum Teil durch die Auflagen der Ausschreibungen der EU-Programme implizit diktiert wird. Die Fragen konnten in unterschiedlicher Breite und Tiefe ventiliert werden. Da es sich aber um eine Exploration handelte war dies zulässig. Allerdings ist es nicht gelungen die Befragung ausschließlich an die Zielgruppe der EU-Angehörigen Migranten zu halten. Fast alle Experten bezogen in ihren Überlegungen auch Drittstaatler und Flüchtlinge mit ein, was die Fragestellung des Projektes überschritt.

65% der TeilnehmerInnen des abschließenden Forums in Berlin gehörten dem Kreis der befragten Experten an. Das Forum kann, trotz der widrigen politischen Kontextbedingungen, als ein voller Erfolg bewertet werden. An erster Stelle ist dies auf die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen zurückzuführen, die als Professionelle aus verschiedenen Bereichen der Migrationsarbeit kompetent und qualifiziert sich, als Fachöffentlichkeit an der Diskussion, zum Teil auch kontrovers, engagiert haben. Möglicherweise stand hinter dem hohen Diskussionsbedarf der TeilnehmerInnen auch der Schock der politischen Ereignisse dieser Zeit, der Vergewisserungen und Abschätzungen möglicher Auswirkungen auf die Migrationsfrage dringlich machte.

Selbstevaluation der Kooperationspartner

Eine Selbstevaluation der Kooperationspartner hat stattgefunden und ist in die Auswertung miteinbezogen worden. Die Selbstevaluation erfolgte während des gesamten Projektverlaufes und der Projekttreffen und wurde als abschließender Akt, am Ende des Projektes gesondert und explizit nochmals vorgenommen. Es wurden die Projektziele und ihre Interdependenzen erneut formuliert und die erzielten beabsichtigten und unbeabsichtigten Wirkungen mit den Zielvorgaben verglichen. Die Kooperationspartner zogen Bilanz und bezogen Position, wobei sie hier u.a. im Sinne einer Selbstdistanzierung ihr Rollenverständnis reflektierten. Ein in dieser Form systematisch gestalteter Evaluationsprozess kann und soll im Rahmen des Modellversuchs auch zur Transparenz der Ergebnisse und Erfahrungen sowie zur wechselseitigen und kontinuierlichen Information über die jeweiligen Entwicklungen und Erprobungen beitragen.

Durch die Selbstevaluation wurden Schlussfolgerungen und Konsequenzen aus der Sicht der Kooperationspartner deutlich gemacht, die, hätte es eine Fortsetzung des Projektes etwa in Form einer Implementationsphase gegeben, zur Umsetzung gekommen wären. Auch hier machte sich die Kurzatmigkeit der Projektdauer negativ bemerkbar, gerade in einem Zeitpunkt, wo sich Erträge aus der Projektarbeit, Erkenntnisse und Habitualisierungen der Partner im Umgang miteinander, Erarbeitung eines gemeinsamen Diskussionscodes, Erfahrungen aus der Projektpraxis, Konzeptionelle Klärungen etc. abzeichnen, wird das Projekt beendet. Selbstkritisch wurde vermerkt, dass die Dramaturgie des Forums in Berlin durch die aktuellen politischen Ereignisse überlagert wurde, und es nicht ausreichend gelungen wäre die hohe Kompetenz der Teilnehmer stärker durch Folgekontakte, Rückmeldungen und Umfragen einzubinden. Auch in dieser Hinsicht lässt die kurze zeitliche Dauer des Projektes keine Möglichkeiten, es sei denn das Forum hätte nicht als Abschluss, sondern als Zwischenschritt in der Projektlaufzeit stattfinden müssen.

Fazit

Beim Projektstart war über den Forschungsgegenstand "Mobilität von Migranten" wenig Vorwissen vorhanden. Über die spezielle Thematik Mobilität als Handlungsfähigkeit gegen Diskriminierung lagen keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen und vergleichbare empirische Studien vor. Insofern handelte es sich um die Exploration einer Hypothese, deren Stimmigkeit und sogar Legitimation von einigen Experten, in einem Ausnahmefall in Form einer massiven Weigerung und Ablehnung, in Frage gestellt wurde. Das Forschungsdesign war komplex, da der zu analysierende Gegenstandsbereich viele unterschiedliche und zum Teil sich widersprechende Perspektiven einschloss. Dennoch ist es gelungen, die Relevanz und Brisanz der These zu verdeutlichen. Die erzielten Ergebnisse sind valide. Das Projektteam hat die Evaluation als Lerninstrument und sich selbst als lernendes System verstanden.

Es ist gelungen Zusammenhänge zu beschreiben und zu erklären und unter Einbeziehung verschiedener, zielgruppenbezogener und handlungsfelderbezogener Perspektiven zu vergleichen und Sachverhalte präziser zu beschreiben. Es ist möglich daraus Schlussfolgerungen für professionelles Handeln in der Integrationsarbeit abzuleiten. Ein solches, kurzfristig angelegtes Projekt ist aber nicht in der Lage einen Paradigmenwechsel in der Migrationsdiskussion einzuleiten. Es ist dennoch deutlich geworden, dass es sich bei der Mobilität um eine ernstzunehmende Dimension des Migrationsgeschehens handelt, die bisher vernachlässigt wurde und ein Paradigmenwandel unbedingt erforderlich macht.

Insofern kann man dieses Projekt als einen ersten Schritt verstehen, um auf das Forschungs- und Diskussionsdefizit in diesem Bereich hinzuweisen. Es ist der Verdienst dieses Projektes dazu beigetragen zu haben, diese bisher weitgehend ignorierte Dimension des Migrationsprozesses stärker ans Licht der Fachöffentlichkeit zu rücken und in das Bewusstsein zu heben. Dieser Befund wurde auch durch die Expertenbefragung und die Diskussion mit der Fachöffentlichkeit im Forum eindeutig bestätigt. Unmittelbare Handlungsanleitungen und Hilfestellungen für die Praxis aus einem einjährigen Projekt sind nicht zu erwarten. Allerdings kann die Verständlichmachung des Themas als eine neue sich ergebende Perspektive und Bewusstseinsveränderung langfristig auch zur Veränderung der Praxis beitragen.

Die Publikationen über das Projekt, aber auch die Fortführung von wissenschaftlichen Studien über die Mobilität, können weitere Entwicklungen initiieren. An der Universität Essen entstand beispielweise in Folge des Projektes ein Dissertationsvorhaben zur Migrantenmobilität.

Die Kooperationspartner haben abschließend erklärt, dass sie den fachlichen Diskurs und die Reflektion über theoretische und praktische Implikationen der Mobilität in ihren Standorten fortsetzen werden. Sie sind sehr interessiert, unter Einbeziehung weiterer nationaler Partner, sich in der Thematik der Mobilität in transnationaler Kooperation weiterhin zu engagieren und eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

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