Bundesarbeitsgemeinschaft
der Immigrantenverbände
in Deutschland e.V.

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Stellungnahme der BAGIV zum Thema "Bürgerschaftliches Engagement"

Stellungnahme der BAGIV zum Thema Bürgerschaftliches Engagement und Integration im Rahmen des öffentlichen Expertengesprächs des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement des Deutschen Bundestages
Berlin, 20. Juni 2007



Sehr geehrter Dr. Bürsch,
sehr geehrte Damen und Herren,

für folgende Leitfragen wurden wir um eine Stellungnahme gebeten:

  • Welche grundsätzliche Rolle billigen Sie dem bürgerschaftlichen Engagement beim Integrationsprozess zu?
  • Sind für Sie die strukturellen und organisatorischen Voraussetzungen für ein aktives bürgerschaftliches Engagement gegeben oder sehen Sie Defizite?
  • Wie schätzen Sie die Potenziale und Rahmenbedingungen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Migrantinnen und Migranten und Migrantenselbstorganisationen in einer differenzierten deutschen Vereinslandschaft ein und vice versa?
  • Kann Ihrer Meinung nach die interkulturelle Öffnung von Vereinen ein Mittel sein, Fremdenfeindlichkeit abzubauen?

Zwischen bürgerschaftlichem Engagement, sozialer Integration und Teilhabe- sowie Mitgestaltungsmöglichkeiten von Migrantinnen und Migranten in Deutschland besteht ein enger Zusammenhang: wer sich stärker für seine eigene Integration oder für seine Mitgestaltungsrechte einsetzt und sich so mit dem gelebten demokratischen System in Deutschland identifiziert, ist in der Regel besser in die Gesellschaft integriert und verfügt über größere gesellschaftliche, politische, kulturelle und wirtschaftliche Chancen und Möglichkeiten.

In Hinblick auf die aktive Beteiligung von Migrantinnen und Migranten hat in Deutschland in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden. Lange Zeit wurden Migrantinnen und Migranten eher als Zielgruppe von sozialarbeiterischem und ehrenamtlichem Handeln gesehen. Ihre eigenen Beiträge aber - abgesehen von gewerkschaftlichen und politischen Betätigungen - nahm man eher als kulturelle oder religiöse, aber gesellschaftlich wenig relevante Aktivitäten wahr.

Dass man Migrantinnen und Migranten selbst als aktive Teilnehmende und Gestaltende der Gesellschaft sieht, ist also relativ neu, wobei die Formen der Beteiligung von Migrantinnen und Migranten oftmals anders als erwartet und für die deutsche Bevölkerung ungewohnt sind. Vor allem das Engagement von Migrantinnen und Migranten in ihren eigenen ethnischen und religiösen Vereinen und Netzwerken ist dabei in der öffentlichen Diskussion nicht unumstritten.

Manche sehen in den Migrantenselbstorganisationen (MSO) einen Schritt zur Verfestigung kultureller, religiöser Unterschiede und zur Herausbildung von Parallelgesellschaften.

Das eine solche eingeschränkte Sicht nicht die Wirklichkeit wiedergibt, zeigt, dass sich MSO (sich) in vielfältiger Weise ausgeprägt und eine Fülle von informellen und formellen Strukturen in den verschiedensten Bereichen der deutschen Gesellschaft geschaffen haben, die ausschließlich vom freiwilligen Engagement ihrer Mitglieder leben. Daher sind Selbsthilfeorganisationen von Migrantinnen und Migranten und ethnische Vereine für Familien ausländischer Herkunft als unverzichtbar anzusehen, da sie die Migrantinnen und Migranten befähigen, Strukturen zur Bildung solidarischer Netzwerke zu schaffen, um so die Handlungsmöglichkeiten für eigene Interessen zu stärken.

Die öffentliche Wahrnehmung und die Förderung der eigenständigen MSO, wie z.B. der BAGIV, ist allerdings bislang zu kurz gekommen, da das Selbsthilfepotenzial solcher Gemeinschaften und deren Integrationsarbeit für die Gesamtgesellschaft unterschätzt wurde. So werden MSO erst seit wenigen Jahren als Ansprechpartner für eine aktive Integration von Migrantinnen und Migranten wahrgenommen und eingeschränkt in projektbezogene Aktivitäten mit eingebunden.

Bei der Förderung des bürgerschaftlichen Engagements von und mit Migrantinnen und Migranten muss daher zu allererst auf zwei Ebenen angesetzt werden:

  • der Ebene der Vereine und Organisationen der Migrantinnen und Migranten durch die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen und
  • der Ebene der Vernetzung und des Austauschs mit einheimischen "deutschen" Organisationen durch die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten und soziale Anerkennung.

Zur Förderung und Verfestigung des Engagements in MSO ist eine gezielte Maßnahme - materieller und räumlicher Art sowie durch geeignete Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen und Möglichkeiten der Beschäftigung von hauptamtlichem Personal - zwingend notwendig, um die Rahmenbedingungen in MSO sowie ihre Anerkennung und Akzeptanz deutlich zu verbessern.

Bund, Länder und Kommunen müssen daher MSO stärker als bislang im Sinne der Engagementförderung personell und finanziell unterstützen. Im Rahmen solcher Förderungen der Eigenverantwortlichkeit von Migrantinnen und Migranten und ihren Organisationen könnte z.B. vermehrt zum Mittel der Budgetierung gegriffen werden.

Nur mit einer besseren Finanzausstattung können Migrantenorganisationen stärker als bislang auch als Träger gesellschaftlicher, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Verantwortung gewonnen werden.

Bürgerschaftliches Engagement, gerade im Bereich der MSO, muss darüber hinaus im öffentlichen Raum stattfinden, um einerseits möglichen Abschottungstendenzen von Migrantinnen und Migranten und andererseits meist unbegründeten Vorurteilen in der deutschen Mehrheitsgesellschaft entgegenzuwirken. Öffentlichkeit ist hierbei in zweierlei Hinsicht wesentlich: in den Organisationsformen des Engagements von MSO werden Teilhabe, Transparenz, Verantwortung und Dialog durch deren öffentliche Ausübung gewährleistet. Darüber hinaus ist Öffentlichkeit wichtig, weil die MSO Informationen für ihre Tätigkeit benötigen, ihre Interessen vertreten wollen und für ihre Leistungen öffentliche Anerkennung verdienen.

Daher benötigen MSO als Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements vor allem Öffentlichkeit und Interessenvertretung auf den unterschiedlichen Ebenen, um ihre Anerkennung und Akzeptanz deutlich zu stärken.

Die Bündelung der vorhandenen Ressourcen und die Vernetzung von Akteuren, Organisationen und Institutionen der Bürgergesellschaft ist hierbei wichtig. Der Aufbau von Netzwerken kann dazu beitragen, MSO wie die BAGIV gesellschaftlich aufzuwerten und geeignete Förderstrategien zu entwickeln und umzusetzen.

Da die Integration von Migranten keine Einbahnstraße, sondern ein zweiseitiger Prozess ist, sind MSO der ideale Dreh- und Anknüpfungspunkt für eine interkulturelle Öffnung von einheimischen "deutschen" Organisationen. Denn von Migrantinnen und Migranten können nicht nur Integrationsleistungen erwartet werden, sondern auch die Organisationen der deutschen Mehrheitsgesellschaft müssen lernen, wie man mit der Migration produktiv und lösungsorientiert umgehen kann.

Damit der Begriff "interkulturelle Öffnung" zwischen Migrantinnen und Migranten und der Mehrheitsgesellschaft über eine bloße Verwendung von Schlagworten hinaus, tatsächlich mit Leben erfüllt wird, spielt die Vernetzung von MSO mit deutschen Organisationen und Institutionen eine wichtige Rolle: Dadurch wird die Anerkennung des bürgerschaftlichen Engagements gefördert und ein Transfer von Kompetenzen zwischen den Organisationen ermöglicht. Dazu sind gegenseitige Informations- und Kontaktmöglichkeiten nötig. Den Kommunen kommt hier eine wichtige Bedeutung zu. Sie verfügen über einen Überblick über bestehende Vereine und Netzwerke und können über geeignete Maßnahmen Vernetzung und Kontakte initiieren, bspw. Tandemprojekte zwischen deutschen und MSO.

Im Kern geht es damit um die Initiierung von Austauschprozessen zwischen MSO und "deutschen" Einrichtungen und Organisationen, die zu Vernetzungen und der Bündelung von Ressourcen und damit zur Integration führen.

Das gemeinsame Engagement von Migrantinnen und Migranten und "einheimischen Deutschen" in Vereinen und Organisationen trägt zu gemeinsamen Lernprozessen auf beiden Seiten bei und eröffnet Migrantinnen und Migranten Möglichkeiten einer gerechten gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Teilhabe in der deutschen Gesellschaft. Solche Prozesse können verstärkt werden, wenn deutliche Signale für einen entsprechenden Austausch von beiden Seiten ausgesendet werden. Dies ist nicht nur eine Aufgabe des Staates, sondern auch eine Bewährungsprobe für die MSO selbst.

Interkulturelle Öffnungen von Vereinen ist nützlich und nötig. Sie schafft einen Raum für Begegnungen, um Ängste, Vorurteile und Fremdenhass abzubauen.

Als gesamtgesellschaftliche Aufgabe kann Integration nur gelingen, wenn Parteien, Verbände, Vereine, gesellschaftliche Institutionen, Kirchen sowie Selbsthilfeorganisationen der Migrantinnen und Migranten zusammenwirken.

Die Mobilisierung der Ressourcen bei Menschen mit Migrationshintergrund sowohl auf sozialer als auch auf politischer Ebene wäre ein gelungener Beitrag zur Integration in der Majoritätsgesellschaft und gleichzeitig ein Gewinn für Deutschland.

Ergreifen Sie deshalb die Hand der BAGIV und nutzen Sie die mehr als zwanzig jährige wertvolle Erfahrung in der Vernetzung. Lassen Sie diese Chance nicht ungenutzt verstreichen; wir sind bereit, unsere Verantwortung im Rahmen einer partnerschaftlichen Integration wahrzunehmen.

Demokratie ist ein Lernprozess- sowohl für die Mehrheitsgesellschaft als auch für MigrantInnen. Selbstorganisationen von Migrantinnen und Migranten zu unterstützen bedeutet, das bürgerliche Engagement zu stärken.

Mit freundlichen Grüßen

Mehmet Tanriverdi
BAGIV-Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland e.V.





Diese Stellungnahme des Präsidenten der BAGIV zum Thema "Bürgerschaftliches Engagement" können Sie hier als PDF-Dokument herunterladen :

Buergerschaftliches-Engagement.pdf
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