Ältere Migranten: Der potentielle Beitrag unserer Selbstorganisationen
von Heike María Martínez Figueirido
Es ist bekannt, dass Selbstorganisationen bestimmte Aufgaben und Funktionen
- eine Rolle - im gesellschaftlichen Netzwerk übernehmen. Aufgaben und
Funktionen, die nicht so offensichtliche sind, wenn man sich die Landschaft
der MigrantInnenselbstorganisationen oberflächlich anschaut. Wenn wir uns
diese Landschaft anschauen - und die hier in NRW ist aufgrund ihrer Vielfalt
besonders privilegiert - werden wir auf den ersten Blick eine Fülle von
Selbstorganisationen sehen. Die Landesregierung hat in ihrer Zuwanderungsstatistik
NRW, Ausgabe 1999, über 50 Staatsangehörigkeiten verzeichnet. Dabei werden
nur die wichtigsten aufgezählt, kleine Kolonien einfach subsumiert. Die
Liste würde sonst zu unübersichtlich werden. Zu der Vielfalt der Herkunftsstaaten
kommen dann noch die Vielfalt der Migrationsgründe und -hintergründe, die
verschiedenen Modi, die das Ausländergesetz für den Aufenthalt vorsieht.
Die Vielfalt, die in der so genannten deutschen Bevölkerung für jeden selbstverständlich
ist, sollte auch unter den MigrantInnen bedacht sein. Es gibt den "Migranten"
oder die "Migrantin" nicht. Diese Vielfalt spiegelt sich auch unter den
Vereinen, Vereinigungen, Initiativen, in denen sich die Kolonie organisiert
wider.
Die Studie von Prof. Thränhardt und Prof. Sen hat allein mit den Namen,
Adressen und der Kurzbeschreibung der in NRW ansässigen Migrantenselbstorganisationen
zwei große Bänder gefüllt. Wenn ich mir unseren Dachverband anschaue, den
Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine, dann haben wir
Frauenvereine, Elternvereine, Sportvereine, Jugendvereine etc. Und hier
haben wir den Aufhänger für die Funktionen und Aufgaben, die die Selbstorganisationen
übernehmen können, wenn es um die älteren Migranten geht. Der Begriff "ältere
Migranten" anstatt "alte Migranten" ist hier mit Bedacht gewählt. Kommen
wir im Anschluss zu den Aufgaben, die die Migrantenselbstorganisationen
erfüllen. Hierbei handelt es sich natürlich nicht um eine Aufzählung, die
den Anspruch erhebt vollständig zu sein.
- Als erstes wären da einmal die Behebung der Informationsdefizite zu
nennen. Dieses ist eine klassische Funktion von Selbstorganisationen. Das
Informationsdefizit muss in zweierlei Richtungen behoben werden. Einerseits
gegenüber der Kolonie und andererseits gegenüber der Aufnahmegesellschaft
und in diesem konkreten Fall gegenüber den spezialisierten Regeldiensten.
D. h. die Selbstorganisationen sind so etwas wie ein Scharnier oder eine
Brücke zwischen zwei verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, einerseits
die Kolonie und andererseits die gerontologischen Regeldienste. Die Kolonie
muss wissen, welche Regeldienste es wofür gibt, wo Ansprechpartner sind,
wo Hilfestellungen in den verschiedenen Lebenslagen geboten werden:
- Wo gibt es einen Tagesaufenthalt?
- Wo sind spezialisierte Ärzte?
- Welche Krankheiten benötigen welche spezifischen Ernährungen?
- Wie funktioniert der Hausnotrufdienst?
- Gibt es "Essen auf Rädern" auch mit anderen Menü's als mit Sauerbraten,
Kartoffelpüree und Rosenkohl?
- Ab wann habe ich Anrecht auf Leistungen aus der Pflegeversicherung und
wo stelle ich diesen Antrag?
- Was passiert mit den in die Pflegeversicherung eingezahlten Beiträgen,
wenn ich in die Heimat zurückgehe?
- Wo kann ich über die verschiedenen Rentenrechte und Verträge informiert
werden, die auf meine Renten Einfluss haben können?
Diese Liste liesse sich beliebig lange fortsetzen. Es tauchen da Fragen
auf, die alle alternden Menschen betreffen, aber es tauchen auch Fragen
auf, die nur bei Migranten akut sind. Diese Fragen sind eben sehr speziell.
Aber auch die Regeldienste haben ein Informationsdefizit. Dieses bezieht
sich nicht nur auf die schon bekannten kulturellen Unterschiede. Kultursensible
Altenhilfe ist das Modestichwort schlechthin dafür in allen Fortbildungen
auf dem Gebiet der Altenhilfe. Aber es gibt auch Punkte, die den kulturellen
Rahmen sprengen und nicht alles lässt sich mit dem Stichwort "Kultur" erklären.
Das zu unterscheiden und vor allen Dingen den Menschen im Mittelpunkt zu
haben, ist auch eine Aufgabe für die Selbstorganisationen.
- Selbstorganisationen können auch die Rolle der "Türöffner" für die
spezialisierten Regeldienste übernehmen. Ist es ein Traum, für alle Kolonien
spezialisierte gerontologische Regeldienste zu schaffen? Ich weiß es nicht.
Sicher ist aber, dass dieses in den wenigsten Fällen möglich sein wird,
denn die Klientel ist nicht groß genug. Sprich: es ist unbezahlbar und
unrentabel ein Altenheim für Spanier in Kassel zu eröffnen, für Armenier
in Köln oder für Assyrer in Düsseldorf. Aber trotzdem wird der ein oder
andere auf diese Institution zurückgreifen müssen und hier kommen dann
die Selbstorganisationen ins Spiel, denn auch wenn es sich nicht rentiert
eine "eigene" Institution zu unterhalten, so wird doch der ein oder andere,
ob er nun will oder nicht, eventuell auf die vorhandenen zurückgreifen
müssen. Und vor allen Dingen, dieser Personenkreis stellt auch eine Klientel
dar. Und hier kommen dann die Selbstorganisationen ins Spiel. Ich kann
mich gut an die Rolle des Spanischen Elternvereins in Hamburg bei der Schulwahl
der Spanier in Hamburg erinnern. Nicht umsonst waren die katholischen Schulen
voll mit spanischen Mädchen und Jungen. Es gab da eine enge Zusammenarbeit
und - den konfessionellen Aspekt einmal außen vor gelassen - muß ich rückblickend
sagen, dass die Wahl nicht einmal mehr die schlechteste war. Wenigstens
in Bezug auf die Bildung, die man oder frau auf diesen Schulen erhielt.
- Selbstorganisationen können aber auch Wegbereiter für die so dringend
notwendige interkulturelle Öffnung in den Regeldiensten sein. Die iaf-Berlin
ist ein gutes Beispiel für die Rolle, die die Selbstorganisationen in diesem
Prozeß spielen können. Nach einer Fortbildung begleiten sie nun Institutionen
auf dem Weg der interkulturellen Öffnung. Das ist sehr aufwendig und arbeitsintensiv.
Nicht jede Institution wird diesen Weg gehen wollen. Nicht jede Selbstorganisation
würde in der Lage sein, so einen Prozeß zu begleiten, aber da wo sie es
kann, sollte sie sich auf dieses Abenteuer einlassen.
- Angebote für die Freizeitgestaltung für ältere Migranten: dieses ist
ein klassisches Angebot der Selbstorganisationen - natürlich nicht nur
in Bezug auf die Zielgruppe der älteren. Für die Gruppe, über die wir hier
sprechen, aber besonders wichtig. Wir haben hier eine Gruppe, die mit dem
Ausscheiden aus dem aktiven Arbeitsprozeß oftmals ihre Bindungen zur "deutschen
Gesellschaft" verliert und sich stärker als vorher an der Kolonie orientiert.
Wir haben hier eine Gruppe, die früher als die "deutsche Gesellschaft"
aus dem Arbeitsprozeß ausscheidet. Und wir haben hier eine Gruppe, die,
typisch für die Arbeiterklasse, oftmals nicht gelernt hat, Freizeit zu
gestalten oder Freizeitaktivitäten zu definieren: Museen besuchen, Bücher
lesen, Bastelarbeiten, ehrenamtliche Tätigkeiten sind da nicht für jeden
geeignet. Was tun mit der vielen freien Zeit, die es da nun gibt? In der
Heimat, dort wo es meistens nicht so oft regnet, wo es auch etwas wärmer
ist, kann man draußen sitzen, auf den Plätzen, haben viele einen kleinen
Garten, etc. Hier kommen die Selbstorganisationen ins Spiel. Denn sie können
einen Raum bieten, einen Ort, an dem sich die Leute treffen können, einen
Ort, an dem sie sich austauschen können und, warum auch nicht, Karten spielen,
Fernsehen und Kaffee trinken können. Wichtig ist aber, dass das Angebot
darüber hinaus geht. Dass es ein Ort ist, an dem Informationen, auf informeller
Basis, eingeholt werden können, in dem die Organisationen die bereits vorher
erwähnte "Türöffner-" und Mittlerfunktion erfüllen können.
- Hiermit wären wir beim nächsten Thema: "Hilfe zur Selbsthilfe". Dieses
ist der Grundgedanke der Selbsthilfeorganisationen, seien es nun welche
von und für Migranten oder sonstige. Die Selbstorganisationen sind der
ideale Rahmen für die Potenzierung der Handlungsfähigkeiten und somit des
"Selbsthilfegedankens".
- Für Selbstorganisationen, die sich besonders spezialisieren und entwickeln,
könnte auch in Frage kommen, sich selber in einen Anbieter von Regeldiensten
zu verwandeln. Wir sollten uns aber darüber im klaren sein, dass dieses
nicht eine Möglichkeit ist, die vielen oder gar den meisten Migrantenselbstorganisationen
zur Verfügung stehen wird. Ganz im Gegenteil, die meisten werden dieses
nicht machen können. Es ist aber eine Idee, Möglichkeit, die wir trotzdem
im Hinterkopf behalten sollten.
- Und "last but not least" die Übernahme von Mediationsaufgaben. Diese
sind schon vorher im Rahmen von anderen Funktionen, insbesondere denen
der "Türöffner", genannt worden, sollten hier aber noch einmal gesondert
aufgezählt werden. Die Mediation zwischen der Aufnahmegesellschaft und
ihren Institutionen auf der einen Seite und der Kolonie auf der anderen.
Diese Funktionen und Aufgaben haben für die Migrantenselbstorganisationen
Konsequenzen. Auf der Ebene der Organisationen bedeutet dieses eine Handlungsnotwendigkeit
in folgender Hinsicht, damit die Qualität der o.g. Aufgaben gewährleistet
werden kann:
- Professionalisierung der Organisation: die Professionalisierung der
Organisation bedeutet nicht nur, dass es Professionelle, im Sinne von Hauptamtlichen
vor Ort geben muss. Dieses ist eine mögliche Option, die aber auf Grund
der Finanzierungsschwierigkeiten nicht immer realisiert werden kann. Genauso
wichtig ist es, wenn nicht wichtiger im Sinne der Breitenwirkung und der
Schwierigkeiten, hauptamtliches Personal zu finanzieren:
- Die Potenzierung und Unterstützung des Ehrenamtes
- Aus- und Fortbildung der Multiplikatoren
Nun habe ich bis hierher eigentlich wenig aufgezählt, dass nun mit der
spezifischen Zielgruppe meines Vortrages, den älteren Migranten, zu tun
hat. Die Spezifizität kommt hinzu, wenn wir uns die Gruppen vor Ort in
unseren Basisorganisationen anschauen und in der Lage sind, ihren speziellen
Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Denn die wenigsten Organisationen sind
ausschließlich für ältere Migranten. Für die Spanier kann ich berichten,
dass einige sich im Laufe der Zeit in Vereine, Initiativen verwandelt haben,
in denen die ältere Generation überwiegt.
Was bedeutet nun "ältere Migranten"? Hier beziehe ich mich nicht nur,
auf die Männer und Frauen der ersten Generation, die bereits in Rente sind.
Auf Grund der unregelmäßigen Erwerbsbiographien und der Arten der Arbeiten,
in denen die Migranten beschäftigt waren, müssen wir hier auch Personen
einbeziehen, die noch weit unter dem Rentenalter sind. Konkret bedeutet
dieses, dass Personen, die mit etwa 55 Jahren auf Grund einer industriellen
Strukturreform oder einer Umstrukturierung im Betrieb arbeitslos werden,
keine Aussicht mehr auf eine Einstellung haben. Die Jobs, die die so genannten
Gastarbeiter bis dato gemacht haben, kennzeichnen sich durch Wegrationalisierung.
Hier der Grund weshalb ich von "älteren" Migranten und nicht von "alten"
oder Rentnern spreche. Denn diese Gruppe benimmt sich oftmals wie die Rentner,
ist es aber noch lange nicht. Konkrete Kenntnisse darüber fehlen in den
meisten Fällen. Sie fallen durch das Netz der vielen Forschungen, die derzeit
über Migranten im Rentenalter gemacht werden.
Sie sind aber die Gruppe in unseren Organisationen, die am meisten auf
ehrenamtlicher Basis noch leisten können: verfügen über viel Zeit, können
nicht so viel pendeln, wie die Rentner, da sie sich periodisch beim Arbeitsamt
melden müssen und sind noch rüstiger. Sie können für die Arbeit im Verein
gewonnen und qualifiziert werden.
Das gilt aber auch für die, die schon in Rente sind und vorläufig nicht
zurückkehren. Wenn sie es sich finanziell leisten können, dann pendeln
sie zwischen dem Herkunftsland und der Bundesrepublik so lange hin und
her, wie die Gesundheit es erlaubt. Denn in dem Land, in dem sie fast ihr
ganzes Arbeitsleben verbracht haben, haben sie mehr Wurzeln geschlagen,
als sie selbst und die Aufnahmegesellschaft es oftmals zugeben. Die Kinder
sind hier, viele Freunde, ein bekanntes Umfeld, etc. Wollen die Vereine
dieses Potential nutzen, dann müssen sie bedenken, dass es sich um Personen
handelt, die über längere Zeiträume nicht einsetzbar sind, weil sie pendeln.
Viele Selbstorganisationen beschäftigen sich mit dem Thema der "älteren
Migranten" durchaus schon länger. Der Bundesverband spanischer sozialer
und kultureller Vereine hat dazu bereits 1993 eine Publikation herausgegeben.
Unser Vorteil ist, dass wir direkten Zugang zur Kolonie haben. Dieses ist
natürlich nur ein Vorteil, wenn die in den Vereinen Verantwortlichen in
der Lage sind, diese Nähe zur Basis auch entsprechend umzusetzen und auf
die Bedürfnisse zu reagieren. Sollten die entsprechenden Strukturen dieses
nicht können, dann geht ihnen die Klientel verloren und der Verein verkommt
zum Karteileichenkasten und verschwindet letztendlich. Neue Strukturen
werden sich dann bilden. An uns ist es, durch Fortbildungen und genaues
Hinsehen und vor allen Dingen Hinhören, den Basisorganisationen vor Ort
auf diesem Gebiet die richtigen Werkzeuge für eine effiziente Hilfe zur
Selbsthilfe bieten zu können.
Quelle: Heike Maria Martinez Figueirido, in: Politische Beteiligung
in der Migration - Die Herausforderung, Stamatis Assimenios, Yvette Shajanian
(Hrsg.), 2001, S. 96-102.